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Rund 36 technisch hochentwickelte Zivilisationen könnten in der Milchstrasse, unsere Galaxie, wohnen. Diese Erkenntnis aus einer neuen Studie der britischen University of Nottingham beweist zwar nicht die Existenz extraterrestrischen Lebens. Sie unterstreicht aber die zunehmende Bereitschaft von seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich mit dem Thema «Aliens» zu beschäftigen. Denn die rechnerische Wahrscheinlichkeit, dass wir die einzigen intelligenten Lebewesen im Universum sind, ist klein. Ebenso unwahrscheinlich aber ist, dass wir bald darüber Gewissheit erlangen werden.

von John Micelli 

 

«Wow!» galt während 40 Jahren als das vielversprechendste Zeichen aus den Weiten des Universums. Das Schmalband-Radiosignal aus der Richtung des Sternbildes Schütze könnte von einer gigantischen Explosion auf einem schnell rotierenden Neutronenstern – ein sogenannter «Pulsar» – ausgelöst worden sein. Es zeigte aber auch alle vermuteten Kennzeichen eines interstellaren Kommunikationsversuchs. 1977 hatte das «Big Ear»-Radioteleskop der Ohio State University «Wow!» bei 1420 Megahertz registriert – die euphorische Notiz des beobachtenden Astrophysikers Jerry R. Ehman verhalf dem Funksignal zu seinem Namen –, 2017 aber gaben die Astronomen Antonio Paris und Evan Davies vom Center for Planetary Science in Florida Entwarnung: Gemäss ihrer Messung sandte  «Wow!» der erst 2006 entdeckte Komet «266P/Christensen», der zwar in der Zwischenzeit um einiges kleiner geworden, aber nach einem 40 Jahre dauernden Rundflug an den Ort der ersten Messung zurückgekehrt sei.

Dass Kometen und Ausserirdische auf derselben Frequenz funken sollen, geht auf eine menschliche Annahme zurück: Atomarer Wasserstoff, das einfachste Molekül des Periodensystems, strahlt auf 1420 Megahertz. Deshalb schien es naheliegend, dass sich auch die Aliens dieser Frequenz bedienen würden, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch nicht alle Experten sind davon überzeugt, dass ein Komet Urheber von «Wow!» gewesen sein soll: Die auch «Schweifsterne» genannten Himmelskörper sind keine Seltenheit im Weltall. Die Signalstärke von «Wow!» allerdings war durchaus aussergewöhnlich. Auch hätten die Emissionen von «266P/Christensen» länger messbar sein müssen als die von «Big Ear» 1977 registrierten 72 Sekunden. Weil aber das Signal einmalig war, wird sich seine Herkunft wohl nie schlüssig klären lassen. Das aber wiederum wird jene Hälfte der Bevölkerungen Deutschlands, der USA und des Vereinigten Königreichs nicht beirren, die gemäss einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2015 davon überzeugt sind, dass intelligentes Leben auf fernen Planeten existiere.

 

Hotspots

Schweizerinnen und Schweizer wurden vom britischen Institut nicht befragt. Wir scheinen aber eine besondere Begabung zu besitzen, auch ohne Radio mit Ausserirdischen zu kommunizieren: Vergangenes Jahr berichtete die Tageszeitung Blick aufgeregt vom Wiederauftauchen von Werner Jaisli. 2008 hatte der heute 71-Jährige im Nordwesten Argentiniens begonnen, einen Ufo-Landeplatz zu bauen – wie es ihm die Ausserirdischen telepathisch aufgetragen hätten: «Etwas begann durch mein Gehirn zu sprudeln: Es war ein Befehl», erklärte Jaisli damals in der Lokalzeitung der Provinzhauptstadt Salta. Nachdem er während fünf Jahren unauffindbar blieb und bereits gemunkelt wurde, er sei von den Aliens entführt worden, tauchte der Schweizer 2019 unerwartet wieder im Städtchen Cachi auf, das sich dank Jaslis interstellarem Flughafen mittlerweile zum Wallfahrtsort für Ufo-Enthusiasten entwickelt hat, von wo regelmässig von Ufo-Sichtungen berichtet wird.

Weniger internationales Renommee, dafür gemäss Website fast wöchentliche Kontaktaufnahmen von Ausserirdischen bietet das Semjase-Silver-Star-Center der Freien Interessengemeinschaft für Grenz- und Geisteswissenschaften und Ufologiestudien (FIGU) im Zürcherischen Weiler Schmidrüti. Allerdings sprechen die Erraner aus einem plejarischen Sonnensystem namens «Tayget» nur mit dem Center-Gründer, Bauer Eduard Albert Meier, und übermitteln ihm neben tieferen Weisheiten über das menschliche Dasein gelegentlich auch Parolen für eidgenössische Abstimmungen und aktuell den richtigen Umgang mit dem Coronavirus. Bilder und Videos auf der Website der FIGU vermitteln den Eindruck, unbekannte Flugobjekte am Zürcher Oberländer Himmel würden nichts Aussergewöhnliches darstellen. Die Interessengemeinschaft verweist auch darauf, dass die Armee seit 1968 «wohl nicht ganz zufällig» in der Nähe eine «Raketenbasis» als Herzstück der Schweizer Flugabwehr betrieben habe. Tatsächlich war der Standort der acht Lenkwaffenwerfer und 16 Lenkwaffen bis zu seiner Aufgabe 1999 streng geheim: Nur die Soldaten, die dort Dienst taten, und die Anwohner wussten Bescheid. Geheimniskrämerei allerdings beflügelt die Fantasie und befeuert die Gerüchteküche. Davon können insbesondere die USA ein Liedchen singen.

 

Wer weiss Bescheid?

Der «Nellis Range Complex» (NRC) ist ein militärisches Sperrgebiet auf drei Vierteln der Fläche der Schweiz im Südwesten des Bundesstaates Nevada. Dort wurden Atomwaffen gezündet und Manöver durchgeführt. Im Herzen des NRC befindet sich am Groom Lake der Homey Airport – besser bekannt als «Area 51»  –, der zusätzlich gesichert und selbst für militärische Überflüge gesperrt ist. Hier testeten die Vereinigten Staaten ihre geheimsten Entwicklungen, zum Beispiel den Tarnkappenbomber F-117. Erst 2013 bestätigte der Geheimdienst CIA die Existenz einer Hochsicherheitszone im Sperrgebiet. Da aber waren «Area 51» und «Roswell» längst zu Symbolen für die Überzeugung geworden, Staatsregierungen würden bestehende Kontakte mit Ausserirdischen zu vertuschen versuchen: 1947 hatte in der Nähe der Kleinstadt in New Mexico ein Bauer auf seiner Ranch nicht identifizierbare Trümmerteile gefunden. Sie stammten aus dem «Mogul-Projekt», bei dem mit Radarreflektoren an in der Stratosphäre fliegenden Wetterballonen die Schallwellen von sowjetischen Atomtests aufgefangen werden sollten.

Natürlich unterlag «Mogul» dem höchsten Geheimhaltungsgrad, weshalb die damaligen Erklärungen der US-Armee zum Trümmerfund niemanden zu befriedigen vermochten. Das Buch «Der Roswell-Zwischenfall» der Ufologen Stanton Friedman und William Moore schliesslich machte 1980 die Ereignisse weltbekannt. Friedman und Moore berichteten darin aufgrund von zweifelhaften Zeugenaussagen auch erstmals von toten Aliens, die gefunden und zur Obduktion in die Area 51 überführt worden seien. Seither gehört es zum Grundmuster der Berichterstattung über mutmassliche Ufo-Sichtungen oder -Abstürze weltweit, das schwarzgekleidete Agenten der US-Geheimdienste vor Ort auftauchen, um Trümmer zu beschlagnahmen und Zeugen einzuschüchtern.

Aber auch der Schweizer Bundesrat soll längst über einschlägige Informationen verfügen. Zumindest habe die offizielle Haltung der Schweiz – dass es keine Ufos gebe und sie in der Folge auch keine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen könnten – die Regierung nicht daran gehindert, entsprechende Meldungen von Armee-Angehörigen akribisch zu archivieren, wie das Tessiner Centro Ufologico della Svizzera Italiana (CUSI) süffisant als Einführung zu seiner Sammlung solcher Aktennotizen festhält. Tatsächlich scheint es in den 1970er-Jahren sogar einen offiziellen «Fragebogen für Beobachtungen von UFOs» des Kommandos der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen gegeben zu haben. Die US-Regierung indes ist unterdessen in die Offensive gegangen: Im April 2020 hat das Verteidigungsministerium drei bis dahin geheime Videos veröffentlicht, die Begegnungen von Militärjets mit unidentifizierten Flugobjekten dokumentieren sollen. Im August hat das Pentagon ganz offiziell die Schaffung einer Ufo-Analysestelle angekündigt – wie sie zwischen 2007 und 2012 schon als staatliche Geheimorganisation existiert hatte.

 

Ufos im Ländle

Im Stillen agierte auch Hans-Adam II. Das Staatsoberhaupt Liechtensteins will als Kind vom Schlossgarten aus in Vaduz ein Ufo beobachtet haben. In seinen Tagebüchern – als Buchreihe unter dem Titel «Forbidden Science» (Verbotene Wissenschaft) veröffentlicht – erinnert sich der französische Astronom und Informatiker Jacques Vallée an Begegnungen mit dem Fürsten in den 1980er- und 1990er-Jahren und Gespräche über paranormale Phänomene, die bis tief in die Nacht gedauert hätten. Gemäss diesen Aufzeichnungen hat Hans Adam II. viel Geld in die Ufo-Forschung investiert, nicht zuletzt, um neue Energiequellen und Antriebe zu finden. Denn eines ist sicher: Sollte Ausserirdischen tatsächlich die Kontaktaufnahme gelingen oder sollten sie sogar in der Lage sein, hierher auf die Erde zu kommen – sie müssten uns technologisch haushoch überlegen sein.

Wir wissen erst seit 1995 dank den beiden Genfer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz (die für ihre Entdeckung den Nobelpreis erhielten) überhaupt mit Sicherheit, dass es sogenannte Exoplaneten gibt – also planetare Himmelskörper, die um einen anderen Zentralstern als unsere Sonne kreisen. Durch die gezielte Suche des Kepler-Weltraumteleskopes zwischen 2009 und 2018 kennen wir mittlerweile Millionen von Felsplaneten in der Milchstrasse, auf denen sich grundsätzlich Leben hätte entwickeln können. Besondere Aufmerksamkeit erhalten derzeit Exoplaneten in den sogenannten «habitablen Zonen» um ihre Sonnen – dort, wo die Temperaturen es erlauben, dass Wasser in flüssiger Form vorkommt, was in unserem Sonnensystem nur auf der Erde der Fall ist. Denn nach derzeitigem Wissensstand kann Leben – und damit auch eine hochentwickelte Spezies – nur mit flüssigem Wasser entstehen. Wasser ist eine häufige chemische Verbindung im Universum, extraterrestrisch konnte es allerdings bis heute nur als Wasserdampf oder Eis nachgewiesen werden.

 

Servus, Grüezi und Hallo

Wenn es denn nun aber theoretisch Millionen von lebensfreundlichen Planeten gibt im Universum und die Entstehung von komplexen Organismen auf der Erde einer Verkettung von glücklichen Umständen zu verdanken ist, wie sie ebenso an vielen andern Orten im All stattgefunden haben könnte: Wo sind sie alle? «Where is everybody?», fragte auch der italienische Kernphysiker Enrico Fermi 1950 auf dem Weg zum Mittagessen seine Physiker-Kollegen vom Los Alamos National Laboratory in New Mexico und entwickelte daraufhin das nach ihm benannte «Fermi-Paradoxon». Der Nobelpreisträger ging davon aus, dass es extraterrestrische Intelligenz gebe, die technisch hochentwickelte Zivilisationen über Millionen von Jahren aufrechterhalten könne. Dass unsere Beobachtungen das Gegenteil nahelegen, bedeutete für ihn, dass entweder unser Verständnis oder unsere Beobachtungen fehlerhaft oder unvollständig seien.

Zur Erklärung des Paradoxons gibt es verschiedene Ansätze: Die «Rare-Earth-Hypothese» geht davon aus, dass auch wenn es zahllose Felsenplaneten gibt, die spezifischen Bedingungen auf der Erde das Resultat des Zusammenkommens vieler unwahrscheinlicher Zufälle seien. Daneben werden die Entfernungen angeführt, die eine interstellare Kommunikation erschweren: Schon Proxima Centauri, der unserer Sonne nächstgelegene Stern, und sein Exoplanet sind über 400 000 000 000 000 Kilometer entfernt. Nach dem Argument der Selbstauslöschung schliesslich – das auch der Pop-Star unter den Astrophysikern, Stephen Hawking, vertrat – liegt es in der Natur technischer Zivilisationen, sich unabsichtlich selbst zu zerstören: zum Beispiel durch einen Atomkrieg oder einen unkontrollierbaren Treibhauseffekt. Das alles aber sollte uns nicht daran hindern, uns über Ausserirdische Gedanken zu machen, meint Michael Schetsche.

Der Soziologieprofessor der Albert-Ludwigs-Universität im deutschen Freiburg hat sich der Exosoziologie, ein Teil der Zukunftsforschung, verschrieben. Zusammen mit Andreas Anton kritisiert Setsche im kürzlich erschienenen Buch «Sie sind da» bisherige Ansätze als «anthropozentrisch» und warnt davor, dass die Folgen eines Kontakts mit Aliens «extrem weitreichend» sein würden − auch wenn wir nicht wüssten, wie wahrscheinlich ein Kontakt sei. Darum sollten wir damit beginnen, uns darauf vorzubereiten.

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