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Was früher schnell als sonderbare Krankheit abgetan wurde, ist lediglich eine physiologische Variante des menschlichen Bewusstseins. Synästheten sehen Töne als Farben oder schmecken sie auf der Zunge. Was kurios klingt, ist für «Betroffene» absolut normal und wird oft als sehr angenehm und tatsächlich unentbehrlich empfunden.

von Flavia Müller

Rund vier Prozent der weltweiten Bevölkerung sind Synästheten. Und unter diesen vier Prozent gibt es unzählige Variationen der Synästhesie – über 80 verschiedene Formen listet der US-amerikanische Anthropologe, Linguist und Synästhet Sean A. Day auf seiner Internetseite daysyn.com auf. Und die Liste ist keineswegs abschliessend.

Synästheten sehen aber diese vermischte Wahrnehmung nicht konstant vor dem inneren Auge oder laufen mit einer Art Brille herum, die diese Phänomene anzeigt. Diese Wahrnehmungen brauchen in der Regel einen Reiz, einen Auslöser. Ein Geräusch, ein Geruch oder ein Gefühl zum Beispiel. So haben viele Synästheten die Wahrnehmung, dass bestimmte Buchstaben oder Zahlen farbig seien (Graphem-Farb-Synästhesie). Manche sehen auch Zahlen, Zeiteinheiten (Woche, Monat, Jahr, Jahrzehnte, Jahrhunderte usw.) und andere abstrakte Begriffe (z.B. Zukunft, Vergangenheit) visuell räumlich angeordnet vor dem inneren Auge (Sequenz-Raum-Synästhesie). Gesprochene, gehörte und gedachte Worte werden visuell vor dem inneren Auge dargestellt und können mitgelesen werden (Ticker-Tape-Synästhesie). Gedanken und Vorstellung können dadurch als geometrische Formen und Farben visualisiert werden.

Meist wird in sensorische und kognitive Synästhesie unterschieden. Bei der sensorischen Synästhesie kommt es durch Stimulation eines Sinnes zu unwillkürlichen und gleichzeitigen synästhetischen Empfindungen in anderen Sinnessystemen. So kann der Klang eines Musikinstrumentes zu Farbwahrnehmungen führen. Bei der kognitiven Synästhesie erhalten Dinge (zum Beispiel Zahlen oder Buchstaben) sensorische Zuordnungen, wie Geruch und Geschmack oder eben die Farben.

Synästheten gelten aufgrund ihrer vermischten Wahrnehmung gerne als hochsensibel. Das wird ihnen aber nur geringfügig gerecht. Dank der verstärkten neuronalen Tätigkeit verfügen sind sie oft im kreativen Bereich tätig – wo sie ihre positiven Synästhesie-Eigenschaften einbringen können: erhöhte Kreativität, erhöhte Merkfähigkeit, bessere Vorstellungskraft/bildliches Denken, bessere Detailwahrnehmung und erhöhte emotionale Empathie. Doch all diese zusätzlichen Begabungen können sich auch negativ auswirken − so kann es leichter zu Reizüberflutungen kommen bei lauter oder hektischer Umgebung oder zu einer gewissen Angstreaktion auf unvorhergesehene oder nicht kontrollierbare Umwelteinflüsse.

Die Synästhesie existiert neben der physiologischen Variation auch in der Rhetorik – besonders in der Lyrik des Barocks und in den Werken der Romantik. Aber auch heute noch finden sich viele synästhetische Begriffe in der Alltagssprache: warme Farben, süsse Klänge oder schon nur das Wort «lautmalerisch». Besonders in der Werbung werden gerne Synästhesien verwendet, um Produkte besser an die Kunden zu bringen. Sie verknüpfen Emotionen, Geräusche und Farben, um ihre Produkte zu verankern. Coca-Cola zum Beispiel ist hier sehr erfolgreich, oder auch McDonalds. Das reine Wahrnehmen des Logos löst bei den meisten ein bestimmtes, durch die Werbung verankertes Gefühl und dadurch ein Bedürfnis aus. Die Werbung konditioniert uns dabei mit einer künstlichen, verallgemeinerten synästhetischen Wahrnehmung. Wahre Synästheten erhalten dadurch einen weiteren Reiz, der sich allenfalls mit dem bereits vorhandenen aber nicht deckt.

Aber auch die allgemeine Farbsymbolik macht sich die Werbung zunutze: Die Assoziation von Klarheit, Treue und Vertrauen mit der Farbe Blau macht diese zur optimalen Farbe für Sachlichkeit und Wissenschaft. Durch Begriffe wie Leistung und Erfolg assoziiert man Blau zudem mit Sportlichkeit und Dynamik. Die visuell wahrgenommenen Farben sorgen also für ein geplantes, synästhetisches Empfinden, das direkt eines der Sinnesorgane anspricht. So werden wir alle zu «angelernten» Synästheten.

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