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In der Schweiz beenden im Schnitt jeden Tag drei Menschen mithilfe von Dritten ihr Leben. Die Zahl der Ausländer, die im Zuge des Sterbehilfe-Angebots in die Schweiz einreisen, ist darin nicht enthalten. Innert zehn Jahren hat sich somit die Zahl mehr als verdreifacht. Der Theologe und Ethiker Konrad Hilpert, Mitherausgeber des Buches „Selbstbestimmung – auch im Sterben? Streit um den assistierten Suizid“, bezieht im Interview Stellung zu dieser Entwicklung. 

von Stephan Leimgruber 

Konrad Hilpert, bürgert sich mit dem assistierten Suizid eine neue Praxis ein?
Die Menschen, die den eigenen Tod auf die geschilderte Weise herbeiführen, sind in den meisten Fällen todkrank und wissen, dass ihr Grundleiden unheilbar ist. Sie handeln auch nicht aus einem augenblicklichen Affekt heraus, sondern haben meistens vorher schon lange über ihre Situation nachgedacht und sie mit Menschen ihres Vertrauens besprochen. Sie sehen in der Lebenszeit, die ihnen bis zum sicheren Tod noch verbleiben könnte, keinen Sinn. Viele von ihnen fühlen sich aufgrund ihrer Krankheit und ihrer familiären Situation einsam. Sie wollen Angehörigen und Helfern durch ihr langes Dahinsiechen nicht zur Last fallen. Oder sie halten die allmähliche Verschlechterung ihres Zustands und den dadurch eintretenden Verfall ihrer Persönlichkeit für eine Bedrohung ihrer Würde und ihnen nicht zumutbar. Ich denke, man muss zuerst diese Not vieler Sterbenskranker und sehr alt und gebrechlich Gewordener sehen und verstehen wollen, warum sie sich und anderen das ersparen möchten, bevor man diese Praxis kritisiert. 

Die alleinstehende Nachbarin meines Bruders hat ihn darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie ihr Leben beenden werde, obschon die Beziehung distanziert war. Als die Verstorbene im Sarg weggetragen wurde, war er sehr betroffen.
Zunächst scheint es mir ein Akt des Vertrauens zu sein, dass die Nachbarin trotz aller Distanz ihre Absicht und auch ihre Befindlichkeit mitgeteilt hat. Ihr Problem wird darin deutlich sichtbar: Sie hatte schon seit Langem grosse Schmerzen und konnte ihr Leben mit dieser Belastung nicht mehr als wertvoll empfinden. Und sie war alleinstehend, hatte also niemanden, der ihre Last mittragen konnte oder für den es sich gelohnt hätte, ein Leben mit ständigen Schmerzen bis zum unausweichlichen Ende zu leben. Vielleicht ist die Mitteilung an einen Mitbewohner sogar ein letztes verstecktes Bitten um Hilfe. Aber vielleicht war die Mitteilung auch einfach das Ergebnis der Überlegung, was ihr Verschwinden bei den anderen Hausbewohnern, die sie doch so wenig kannte, auslösen könnte: Entsetzen, Erschrecken, Abscheu, Verurteilung, Vorwürfe, nichts gemerkt und nicht geholfen zu haben. Da wollte sie vielleicht sichergehen, dass diese anderen wenigstens erfahren, dass dieses Ende ganz ihr eigener Wille gewesen war und dass sie sich keine Vorwürfe machen müssen.  

Kann man raten, einer Sterbehilfeorganisation beizutreten? Wenn ja, mit welchen Gründen? 
Ich glaube nicht, dass der Beitritt zu einer Sterbehilfeorganisation jemals das Ergebnis eines eingeholten Rates ist. Organisationen wie EXIT setzen auf die lange Mitgliedschaft von Leuten, die davon überzeugt sind, dass ihnen das Recht auf Selbstbestimmung inklusive Zeitpunkt und Art des Sterbens zusteht, und die entschlossen sind, im Fall einer schlimmen Diagnose oder grosser Schmerzen professionelle Hilfe zum Sterben zu bekommen. Sie bezahlen jahrelang Mitgliedsbeiträge, hinterlegen Gebühren, um die Garantie zu haben, auf Wunsch schmerzlos aus dem Leben scheiden zu können, und sie unterwerfen sich einem bestimmten Procedere, um juristische Zweifel an dem, was geschieht, ausschliessen zu können. Heute dürften die meisten, die so sterben, den Kontakt zu einer Organisation durch das Internet oder auch – das aber eher selten – mittels eines Anwalts hergestellt haben. 

Wenn das in einem Altenheim gängige Praxis wird, könnte sich doch eine Entwicklung anbahnen, die sehr problematische Züge annimmt. Werden nicht Tür und Tor zu Missbrauch und Verbrechen geöffnet? 
Beides sind ernst zu nehmende Befürchtungen oder sogar reale Gefahren. Das wissen die, die für die Möglichkeit des assistierten Sterbens werben, aber auch die Sterbehilfeorganisationen. Deshalb halten sie formale und bürokratisch dokumentierte Verfahren bereit, die Missbrauch, Verbrechen und juristische Zweideutigkeiten ausschliessen sollen. Man bezeichnet sie in der ethischen Fachsprache gerne als Sorgfaltsbedingungen. 

Was aus der eingespielten Praxis des assistierten Suizids gesellschaftlich erwachsen wird, können wir noch nicht genau absehen. Denn zumindest gravierende fragwürdige Entwicklungen und die Begünstigung von Missbrauchsmöglichkeiten kann der Gesetzgeber ja präventiv einschränken, indem er strenge Bedingungen aufstellt. Bisher geht die Gesetzgebung in vielen Ländern (zum Beispiel in den Benelux-Ländern) in diese Richtung. Aber was natürlich trotzdem passieren kann, ist eine tiefreichende Veränderung des Denkens über das Sterben und des Umgangs mit dem Tod in der breiten Bevölkerung. Eine – nicht ganz unrealistische – andere Befürchtung ist die, dass ein gewisser sublimer, also stiller Druck entstehen könnte, in Situationen aussichtsloser Schwäche und personalaufwendiger Hilfe sich selbst durch assistierten Suizid aus dem Spiel zu nehmen. Eine andere die, dass ökonomische Überlegungen eine stärkere Rolle spielen könnten bei den Überlegungen und fälligen Entscheidungen. Und vielleicht auch die, dass Menschen in prekären Situationen, die nicht so stark selbstbestimmt sind, sondern in der Einschätzung des Werts ihres Lebens schwanken, zu rasch die Absicht, ihr Leben unter diesen Bedingungen beenden zu wollen, ansinnen könnten, nur weil sie ihren Zustand beklagen und ein Ende der Beeinträchtigungen herbeiwünschen. 

Die heutige achtsame Sterbebegleitung in Kranken- und Altenheimen beteuert, dass sie dafür verantwortlich und in der Lage sei, die Schmerzen zu minimieren und das Leben bis zum Schluss erträglich zu machen. Trifft das zu?
Das ist zumindest das erklärte Ziel und Versprechen der Palliativmedizin und der entsprechenden Teams. Die Umsetzung ist natürlich sehr pflege- und personalintensiv. Die Versorgung mit einem entsprechenden Angebot ist sicher noch nicht flächendeckend voll ausreichend, aber Anfänge sind doch unzweifelhaft gemacht, und die Aufgabe einer besseren Sterbe-Kultur ist – soweit ich das beobachten kann – weithin akzeptiert. 

Der heutige Mensch scheut Leiden und ist weniger bereit, mit Einschränkungen und Schmerzen zu leben. 
Einschränkungen und Schmerzen mögen wir alle nicht – das ist ganz normal. Dass wir deshalb nach Möglichkeiten suchen, ihnen zu entrinnen, und von diesen auch Gebrauch machen ist nicht zu kritisieren. Es mag auch sein, dass wir dazu neigen, diese Seite des Lebens, solange es uns gutgeht und wir gesund sind, zu verdrängen.  

Die Feststellung, dass Leiden und Schmerzen oft verdrängt werden, bezieht sich aber eher auf die gesellschaftliche Entwicklung, dass das Leiden und das Sterben-Müssen in spezialisierte Institutionen verlegt werden und dadurch faktisch aus den alltäglichen Lebenswelten der Familie, der Arbeitswelt, des Konsumierens und des spielerischen Miteinanders ausgegliedert werden, also verschwinden oder doch unsichtbar werden. Dadurch entsteht die Gefahr, dass viele Menschen, gerade auch Kinder und Jugendliche, viele Jahre lang damit nicht konfrontiert sind und ein Bild vom Leben gewinnen, das einseitig auf den schönen Schein ausgerichtet ist. In dieser Welt sind alle jung und fühlen sich stark. Sterben, Leiden und Altwerden haben in dieser Umgebung keinen richtigen Platz, oder es sind Störfaktoren im üblichen Lebensgefühl. 

Ergibt es Sinn, bei einem Sterbenden zu wachen und zu beten, oder sollte man ihn eher allein lassen in dieser Stunde?
Nicht allein gelassen zu werden und sich geborgen zu wissen bei wohlmeinenden Menschen dürfte neben der Stillung der Schmerzen dasjenige sein, was Sterbende am meisten wünschen bzw. vermissen. Wenn das Beten nicht aufgesetzt ist oder zur mechanischen Tätigkeit verkommt, mag es für den einen oder die andere eine angemessene Unterstützung sein. Ich glaube, das ist eine Frage der Lebenseinstellung des Patienten auch in gesunden Tagen und des Vertrautseins und des Taktes der Personen, die hier versuchen, mit dem Sterbenden seinen Weg zu gehen. Das Beten sollte jedenfalls zu der sterbenden Person passen. Wenn es das partout nicht tut, ist es zweifellos angemessener, schweigend Gemeinschaft zu schenken. Allein-Lassen ist sicher keine angemessene Option, es sei denn, es entspräche einem ausdrücklichen Wunsch.  

Was halten Sie von der sogenannten Ars moriendi, also einer Kunst, loszulassen und sich in das Sterben einzuüben? 
Die Ars moriendi als Praxis, sich schon zu Lebzeiten mit der Frage des Sterbens zu befassen, ist ein geistliches Anliegen, das nach meiner Kenntnis im Spätmittelalter und unter Gebildeten, in einfacherer Form auch bei den Gläubigen, die etwas mit Bildern von Himmel, Hölle und Gericht anfangen konnten, en vogue war. In moderner Form wird es heute wieder aufgegriffen. Es geht dann darum, dass der Gedanke an das eigene Sterben-Müssen und an die eigene Endlichkeit in der Lebensführung präsent bleibt und die eigene Existenz nicht von Vorstellungen der Machbarkeit von allem und jedem, des Geniessens und der Perfektheit bestimmt wird. Wir sollten uns bei allem auch und gleichzeitig der eigenen Fragilität und der Unselbstverständlichkeit von Leben und Gesundheit bewusst bleiben. Das macht uns auch in anderen Feldern, etwa in unserem politischen und sozialen Handeln, ein bisschen demütig und realistisch. 

Ein Arzt verspricht mit dem Hippokratischen Eid, dass er uneingeschränkt für das Leben eintreten werde.
Der Arzt verspricht darin vor allem, für die kranken Lebenden da zu sein und ihnen zu helfen. Im Wortlaut: Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem fachlichen Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in ungerechter Weise anzuwenden. Erst nach diesem Satz kommt das ausdrückliche Versprechen, niemandem ein tödliches Mittel zu geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und keiner Frau ein Abtreibungsmittel. Das stammt immerhin aus dem vierten Jahrhundert vor Christus!

Das ist imponierend, aber natürlich auch ein ziemlich grosser zeitlicher Abstand, der manche Interpretationsmöglichkeiten offenlässt. Aber abgesehen davon müssen wir sehen: Was damals als logische Konsequenz aus der Verpflichtung zur Beförderung des Wohls und zum Abhalten von Schaden galt, wird heute eher als Konkurrenz und Konflikt gesehen: auf der einen Seite die Gebote zum Wohltun und zur Schadensvermeidung, auf der anderen Seite das Gebot, die Selbstbestimmung des Patienten zu respektieren. Beides muss gegeneinander abgewogen werden. Das Wohl des Patienten und die Schadensvermeidung werden also nicht mehr von aussen, also von Dritten, automatisch und gänzlich mit der Erhaltung des physischen Lebens gleichgesetzt, egal wie dieses konkret aussieht. Für das Wohl des Patienten ist eben auch relevant, was er selbst empfindet und wie er sich fühlt. Und dazu kann man von aussen einiges beitragen, insbesondere durch eine wirkungsvolle Bekämpfung seiner Schmerzen, durch eine gute Pflege und durch eine mitmenschliche Begleitung, die sich auf den Sterbenden und seine Bedürfnisse einlässt. Darauf sollten wir alle achten, auch als Angehörige. Das Wohl des Patienten ist – in einem sehr technischen Bild gesprochen – die Stellschraube, an der vieles zum Besseren verändert werden kann. Palliative Care, das Angebot hospizlicher Begleitung zu Hause oder im Hospiz, Spiritual Care und eine gute Krankenhausseelsorge, die Zeit hat, machen sich das zu ihrem Anliegen und verdienen breite Unterstützung. 

Wird das Leben in einer säkularen und pluralen Welt noch als Gabe Gottes gesehen oder eher als Last, die man bei Gelegenheit abstossen kann und über die man selber verfügt?
Ich meine, dass man auf diese Frage keine Antwort geben kann, die für alle Menschen zutrifft. Vielleicht kann man aber sagen, dass viele Menschen, wenn sie gründlich nachdenken in Augenblicken grosser Freude und ebenso in solchen grossen Leids, zur Erkenntnis oder zur Ahnung gelangen, dass ihnen das Leben geschenkt ist und dass sie es einfach erhalten haben; aber eben auch, dass es äusserst fragil und verletzbar ist. Und sicher ist es auch so, dass die meisten ein Leben mit Einschränkungen, Belastungen und schwerster Krankheit rasch als unzumutbar und als Belastung einschätzen, solange sie selbst gesund und vital sind und solches nur bei anderen beobachten; dass der Wert eines Lebens mit Handicaps aber steigt, sobald man selbst davon betroffen ist. Diese Beobachtung sollte einen zur Vorsicht mahnen bei jedem Urteil darüber, was anderen zumutbar ist. Insofern ist die Forderung nach Selbstbestimmtheit im Sterben immer auch eine Anfrage an uns selbst und an unsere Urteile über den Wert des Lebens.

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