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Stolz, Neid, Zorn, Habsucht, Trägheit, Völlerei, Wollust – heute heissen die Todsünden vielleicht Hass, Rücksichtslosigkeit, Intoleranz, soziale Gleichgültigkeit. Aber immer noch stirbt der Mensch an Lieblosigkeit und Beziehungslosigkeit, an Sinnarmut und innerer Leere. Erfunden haben den Sündenkanon ägyptische Wüstenmönche der christlichen Frühzeit.

von Christian Feldmann

Die Ersten, die von den Todsünden redeten, waren die Wüstenmönche damals vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden. Natürlich griffen sie dabei auf frühe Vorbilder zurück. Schon die alten Babylonier und Perser gaben den guten und bösen Mächten, die auf der Welt – und im einzelnen Menschen – miteinander zu kämpfen scheinen, ein Gesicht und stellten sich vor, wie diese unheimlichen Armeen des Bösen von sieben grässlichen Dämonen geführt werden.

Solche Traditionen hatten die Aussteiger des 4. Jahrhunderts im Hinterkopf, die Männer und Frauen, die damals zu Tausenden in die ägyptische Wüste hinauszogen, Christen, die der antiken Zivilisation mit ihrem dekadenten Lebensgenuss überdrüssig geworden waren. Sie wollten den radikalen Anspruch des Evangeliums retten, indem sie die verlogene Gesellschaft verliessen und ein hartes Asketenleben führten, ausgefüllt mit Beten, Meditieren, Fasten.

«Sündigen macht Spass!», titelte vor einiger Zeit ein buntes Lifestyle-Magazin und riet seinen Lesern, «sich von Zeit zu Zeit hemmungslos zu betrinken. Sie werden feststellen, dass Sie trunken auch schneller Teil eines sexuellen Exzesses werden.» Und weiter: «Zum Teufel mit all den Hardlinern, Dogmatikern, Spassverderbern und verkniffenen Oberlehrern! Ein bisschen Sünde lässt die Welt nicht zugrunde gehen.»

Die Wüstenmönche wären über solche Ermunterungen gewiss entsetzt gewesen. Sie verzichteten auf alle Sicherheiten, um sich der einsamen Konfrontation mit dem nackten Ich auszusetzen. Sich selbst aushalten lernen, schwach, gebrochen, verwundbar, mutlos, voller Narben und Verzweiflung, das kann ein grausamer Prozess sein. Die Wüstenmönche halfen sich mit Bildern, wenn sie vor sich selbst erschraken und vor all den Traumata und Ängsten, die den Menschen übergross bedrängen, wenn er mit sich allein ist: Sie stilisierten ihren inneren Konflikt zum Kampf mit höllischen Mächten, und ihren Ängsten und Schuldgefühlen gaben sie die Gestalt furchtbarer Dämonen. Was man sieht und benennen kann, braucht man nicht mehr so zu fürchten.

Wie schon die Priester der persischen Religion und die Autoren der biblischen Weisheitsliteratur verbanden die frühen Mönche das Wirken der bösen Mächte mit den klassischen Versuchungen des Menschen. Einer der bekanntesten Wüstenväter, Evagrius Ponticus, stellte um 390 den ersten Lasterkatalog mit acht Hauptsünden auf: Völlerei und Wollust, Verzweiflung und Trägheit des Geistes, Hochmut und Sehnsucht nach eitlem Ruhm, Streit und Geiz.

Der moralisch verpönten, aber in unseren Hirnen unausrottbaren Habgier gewinnen die Blattmacher des oben erwähnten Magazins mit dem Argument «Wer viel will, kommt weiter» eine karrierefördernde gute Seite ab – und fügen verschämt die wohl eher naive Hoffnung an: «Nur wer viel hat, kann auch viel geben.» Ach ja, und dann gibt es auch noch eine Palette guter Gründe für das Laster Wollust: «Verbessert die Durchblutung und mindert das Herzinfarktrisiko.» Mehr Kalorienverbrauch als beim Dauerlauf.

Offizielle kirchliche Theologie wurde der Sündenkanon 200 Jahre nach Evagrius Ponticus unter Papst Gregor dem Grossen, der ein Schema aus sieben Hauptsünden aufstellte. Die heilige Zahl Sieben steht in der Religionsgeschichte für Vollkommenheit, Vollständigkeit und Fülle: sieben Planeten, sieben Wochentage, sieben Säulen der Weisheit, sieben Sakramente. Im hohen Mittelalter, als die Mönchstheologie grossen Einfluss in Laienkreisen erlangte und die regelmässige Beichte obligatorisch wurde, prägte das Schema der sieben Todsünden die allgemeine Frömmigkeit. Und die Bilderwelt der Handschriften, Altarbilder und Kathedralen.

In der Vorhalle von Notre-Dame in Paris thronen die Tugenden in einer Säulenarkade über den Sünden. Unterhalb der Demut stürzt der Stolz in die Tiefe, unter der Tugend Hoffnung erdolcht sich der Zorn selbst. Ein Geizhals kramt gierig in seiner Geldtruhe. Über allem eine Darstellung des Jüngsten Gerichts. Giotto stattete 1304 die Arena-Kapelle in Padua mit einem Lasterzyklus aus: Der Zorn zerkratzt sich die Brust; eine Frau, die sich erhängt hat, steht für die Verzweiflung; der Neid ist als verhärmte Alte dargestellt, der eine Schlange aus dem Mund kriecht. Buchillustratoren und Kathedralbildhauer gaben den Todsünden eine fantasievolle Gestalt und liessen sie auf Fabeltieren zum Kampf gegen die Tugenden reiten.

Wenn man die klassischen Laster der Menschheit Todsünden nennt, hat man darunter wohl meist Sünden, die den ewigen Tod bringen, verstanden. Man könnte aber auch sagen: Sünden, die den Tod bedeuten. Woran stirbt der Mensch? An Lieblosigkeit und Beziehungslosigkeit, an Sinnarmut und innerer Leere. Die Todsünden stehen für die Entfremdung des Menschen von Gott, von sich selbst, von den anderen.

Der Geizige verschliesst sich in sich, kann sich nicht öffnen, verweigert die Beziehung. Er kann nichts hergeben, ist gefangen in einer panischen Angst, die das Leben erstickt. Aber auch die Eltern, die ihre Kinder nicht hergeben können und behüten wie einen Besitz, sind geizig. Auch wer seinen Partner zum Eigentum macht und Liebe mit Besitzen verwechselt, ist geizig. Die Frage ist Haben oder Sein, wie der Sozialpsychologe Erich Fromm eines seiner bekanntesten Bücher nannte.

Der Zornige – so ist das im klassischen Todsündenkanon gemeint – lässt sich nicht von gerechter Empörung leiten, sondern von blinder Wut. Das kann man natürlich auch bildlich verstehen, und es gibt auch eine kalte Wut, eine grundsätzlich feindselige Haltung, die den Menschen in die Abschottung treibt und sein Leben einengt, verbittert, vergiftet.

Der Stolze steht nicht den ganzen Tag vor dem Spiegel und bildet sich etwas auf seine edel geformte Nase ein. Hoffart, wie man früher sagte, bezeichnet eine Abart der Beziehungslosigkeit. Der Wollüstige ist auch nach den alten Erklärungen des Sündenkanons nicht einfach ein von sexuellem Verlangen erfüllter Mensch. Es geht um die Art des Umgangs miteinander, um die Entwertung des Partners, indem die erotische Begegnung zur reinen Triebabfuhr missbraucht und ein Mensch zum Lustobjekt degradiert wird. Ein Sonderfall ist die Acedia, wie man die Todsünde der geistigen Trägheit früher nannte. Das bedeutete eher Schwermut, Traurigkeit, Tristesse. Eine problematische Einschätzung, denn Depression ist eine Krankheit, keine schuldhafte Fehlhaltung. Heute würde man die Trägheit, Acedia, vielleicht eher als Verweigerung von Eigeninitiative und Eigenverantwortung definieren. Als mangelndes Interesse an der eigenen Entwicklung und Reifung. Lieber mit dem Strom schwimmen, nichts riskieren, kein Wagnis eingehen. Auch daran stirbt der Mensch.

(Bild: Die sieben Todsünden als Armband von Nancy Worden. wikimedia)

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