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Weshalb kommt Roger Federer bei den Menschen so gut an? Was macht er denn, dass er am 3. Adventssonntag 2020 als bester Schweizer Sportler der letzten 70 Jahre gekürt wurde? Hat er Rezepte zu einer solchen Beliebtheit bei uns und an den vielen Orten der Welt, wo er gespielt hat? Theologieprofessor und Priester Stephan Leimgruber über ein Phänomen.

Roger Federer hat seine Teilnahme an den verschobenen Australian Open 2021 abgesagt. Er sei noch nicht bereit, nach dem medizinischen Eingriff im Sommer 2020 seinem Körper die damit verbundene Belastung zuzumuten. Nun konzentriert er sich auf Wimbledon und auf die Olympischen Sommerspiele 2021, wenn sie denn stattfinden. Hier geht es nicht um seine Siege und Rekorde, sondern um die Frage, worin sein Geheimnis liegt. Gewiss, sein Palmarès ist beeindruckend! Über sechs Jahre führte er das Ranking der Tennisspieler an. Er hat 339 grosse Turniere gewonnen, 20 Grand-Slam-Titel, gleich viele wie Rafael Nadal. Man könnte weiterfahren und seine Auszeichnungen reihen. Das ist durchaus erstaunlich, selbst wenn er gegenwärtig nur mehr an fünfter Stelle der Weltrangliste figuriert. Kein Zweifel, Roger Federer hat Tennisgeschichte geschrieben.

Geboren 1981 in Basel von bikulturellen Eltern, die Mutter ist Südafrikanerin, der Vater Schweizer, wuchs er zweisprachig (Schweizerdeutsch und Englisch) auf, besuchte in Münchenstein die Schulen, auch den katholischen Religionsunterricht. Sein damaliger Religionslehrer Romeo Zanini, heute Diakon in Littau, erinnert sich an einen aufgeweckten Jungen, der bei den üblichen Bubenstreichen mitgehalten habe und in der Sekundarschule dann bereits öfter in Magglingen seinem künftigen Tennisspiel nachgegangen sei. Er war Balljunge in Basel, feilte immer mehr an seinen Stil und wurde zu einem kompletten Tennisspieler. Was ihn unter anderem voranbrachte, war ein präziser Service mit Geschwindigkeit bis über 200 kmh, wenn er denn kam. Die Grundschläge sind harmonisch und sehr variantenreich ausgeführt. Roger kann sich gut auf einen Gegenspieler einstellen, den Verlauf des Balles antizipieren, den Gegner in Bedrängnis bringen, Stoppbälle einstreuen und die unerwartete Ecke wählen. Ist er selbst in der Abwehr, zeigt er gute Laufarbeit, richtiges Stellungsspiel und Ausdauer bei langen Ballwechseln. Stan Wawrinka, der mit drei (Siegen) zu 21 (Niederlagen) gegen ihn zu Buche steht, aber drei Masters gewonnen hat, sagte in Indian Wells 2017 über Roger, seinen Freund: «Sein Stil ist wunderschön, alles sieht perfekt aus. Er bewegt sich erstaunlich gut, hat ein unglaubliches Ballgefühl.» Und Boris Becker, die ehemalige Nummer eins des Tenniszirkus, sagte: «Roger ist Poesie in Bewegung.» (2005)

Was ihn nach meiner Ansicht auszeichnet, ist seine Fähigkeit zu verlieren. Er muss nicht das Racket am Boden zerschmettern, wenn ihm etwas misslingt. Vielmehr konzentriert er sich sofort auf den nächsten Ball. Er kann in Rückstand geraten, bleibt aber cool und sieht zu, später eventuell den Match zu drehen. Öfter musste er über fünf Sätze gehen, die meisten dieser Spiele hat er gewonnen, einige hat er verloren. Gleichwohl geht er dem Gegner sympathisch entgegen und erkennt dessen Leistung an. Seine Fairness macht etwas von seinem Geheimnis und seiner Beliebtheit aus. Er kann sich durchaus ärgern über verpasste Breakbälle, bei der nachträglichen Analyse des Spiels sieht er seine eigenen Mängel, um die er durchaus weiss.

Das Zweite, was Roger ausmacht, ist seine Bereitschaft, Lob anzunehmen und Lob gerade weiterzugeben. So hat er beim Auftritt der letzten Preisverleihung im Fernsehen gewiss den Preis des Moderators dankbar angenommen, aber sofort auf Dario Cologna und Pirmin Zurbriggen hingewiesen, die ebenfalls Grosses im Sport geleistet haben. Er dankt jeweils der gesamten Organisation für die Durchführung der Events bis hin zum letzten Balljungen, der er selbst einst war. Roger kreist nicht um sich selbst, sondern sieht das Ganze. Mit Achtung spricht er von den Konkurrenten, auch von Novak Djokovic und Dominic Thiem, Stefanos Tsitsipas und Daniil Medvedev, die ihn alle schon besiegt haben.

Was drittens sein Profil ausmacht, scheint mir seine unendliche Geduld mit den Journalisten zu sein. Als Sieger hat er die Pflicht, den Reporterinnen und Reportern Rede und Antwort zu stehen, sich über den Verlauf eines Turniers zu äussern und allenfalls in die Zukunft zu blicken. Wie oft musste er über seine Gefühle sprechen, die ihn übermannt haben, über die Gründe eines Gewinnspiels und über die Qualitäten seiner Gegner. Unzählig sind die Fragen der Journalisten, wann er denn zurücktreten werde und vieles mehr. Mit erstaunlicher Weite gibt er immer wieder auf diese Fragen Auskunft und versucht noch eine neue Schattierung in eine Antwort einzubringen.

Schliesslich macht ihn sein Umgang mit der Familie sympathisch, sein viertes Geheimnis. Mirca hat er im Jahre 2000 in Sydney kennengelernt. Sie haben vor zehn Jahren geheiratet und sind tief zusammengewachsen, ohne dass er das der Welt beweisen müsste. Sie steht an seiner Seite und fiebert in heiklen Situationen mit. Mit ihr gestaltet er die unendlichen Reisen, bewältigt er die vielen Unannehmlichkeiten und Probleme. In Wimbledon mietet er gerade mal zwei Häuser für die Zeit vor und während des Turniers und bringt seine ganzen Leute unter. Dazu gehören sein Trainer Ivan Ljubicic und sein treuer Berater Severin Lüthi, der Konditionstrainer, die physiotherapeutische Hilfe, seine vier Kinder und die Mitreisenden. Ja, er hat als kleiner Unternehmer so viel hinter den Kulissen zu arbeiten und zu organisieren, dass er aufpassen muss, das tägliche Training nicht zu vernachlässigen.

Mag sein, dass sein zweites Comeback auf die Tennisplätze der Welt in seinem 40. Lebensjahr kurz sein wird, seine menschenfreundliche, keineswegs egozentrische Art hat vielen Zuschauerinnen und Zuschauern den Sonntagnachmittag (und mehr) spannend gemacht und mit seinem Spiel bereichert. Tennis ist ein niveauvoller und interessanter Sport – ohne Gewalt!

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