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Seit gut 30 Jahren gibt es ein neues Kapitel in der Religionspädagogik, das Fragen des Glaubens und der religiösen Bildung heute erhellen kann. Es geht um einen ästhetisch-spirituellen Zugang zu einem Gottesdienstraum.  

von Stephan Leimgruber 

Das neue Kapitel heisst «Kirchenpädagogik» oder auch «Kirchenraumpädagogik», interreligiös erweitert heisst es «Sakralraumpädagogik». Im Fokus stehen spirituelle Varianten von Kirchenführungen und das Sich-Zurechtfinden in einem sakralen Raum. Gefragt wird danach, was ein Besuch einer Kirche in der besuchenden Person auslöst. Lässt der erfahrene Raum die Person kalt oder berührt er die Seele eines wachen, neugierigen Menschen? 

Kirchenpädagogik setzt die bisherigen traditionellen Zugangsweisen zu einem sakralen Raum voraus, also einen Zugang über das historische Wissen um die Entstehung der Kirche, einen anderen Zugang über den architektonischen Kunststil, um Fragen der verarbeiteten Materialien, um die künstlerische Gestaltung einer Kirche und um die aktuelle Handhabung einer Kirche durch eine bestimmte Pfarrgemeinde. Die Kirchenpädagogik fragt darüber hinaus nach einem geistlich-spirituellen Zugang zu einer Kirche. Gefragt wird nach dem religiösen Zeugnis, das die Bauleute abgegeben haben, als sie die Kirche in jahrelangen Mühen erbauten. Es geht um ihr Vermächtnis, das der Kirche vor Ort zu einem dauerhaften Raum verholfen hat. Man spricht von «living stones», von lebendigen, sprechenden Steinen, die eine Botschaft von der Bauzeit bis heute hinterliessen. Eine Kirche kann ihre Besucherinnen und Besucher seelisch anrühren und betreffen. Der Kirchenbesuch wird zu einem faszinierenden und fast erschütternden Erlebnis, zu einem Mysterium tremendum et fascinosum. Wie soll das geschehen? Wie soll man vorgehen?  

Von aussen nach innen
Die Kirchenpädagogik beginnt mit einer Betrachtung der Kirche aus der Ferne. Wie sieht die Kirche von aussen aus? Welche Merkmale hat sie? In welchem Kontext ist sie situiert? Mitten in einer Häuserreihe oder auf einem Berg? Steht sie in der Mitte eines Dorfes oder am Rande einer Stadt und was bedeutet diese Stellung? Die Kirche wird umrundet und von allen Seiten betrachtet. Bildet sie das Zentrum einer Wohnsiedlung? Ist der Turm erkennbar und wann läuten die Glocken? Hier können erste Fragen entstehen, die nach den Motiven der Erbauer forschen. Was wollte man mit dieser Kirche? Steht sie in der Nähe einer anderen Kirche von einer anderen Konfession? So werden erste Eindrücke gewonnen und die Kirche gewinnt ein Profil. Daran schliesst sich die Frage nach der Namensgebung der Kirche an. Handelt es sich um eine Marienkirche oder ein sakrales Gebäude, das Niklaus von Flüe oder einem anderen Heiligen gewidmet ist? Ist der Patron, die Patronin der Kirche schon von aussen erkennbar? Deutet sich bereits ein bestimmtes Lebensgefühl an, das die Kirche vermitteln wollte – etwa bei einer mittelalterlichen Kathedrale, einer modernen Kapelle wie Ronchamp von Le Corbusier oder durch eine romanische Architektur? Dann nähert man sich der Kirche und sucht das Hauptportal. Der Schritt über die Schwelle in den Innenraum einer Kirche ist bedeutsam für die Betrachtenden und Besuchenden. Was geschieht mit ihnen, wenn sie durch das Portal schreiten und vom Hellen ins Dunkel gelangen, von der profanen Welt in den sakralen Kirchenraum, vom Lärm rund herum in die Stille eines besonderen Raumes? Löst der Übergang vom Profanen in den Kirchenraum Gefühle, Gedanken und Stimmungen aus? 

Verlangsamung
Sobald man in der Kirche angekommen ist, scheint eine Verlangsamung der Besichtigung unabdingbar. Jetzt ist keine Eile geboten. Es wird zur Pflicht, dass man genügend Zeit mitgenommen hat, um sich in der Kirche niederzulassen. Wir bleiben stehen und lassen den Raum auf uns wirken. Wir setzen uns und geniessen den Raum. Neue Fragen stellen sich: Welchen Haupteindruck macht er? Wo liegt das Zentrum des Raumes? Was bewirkt die Stille bei den Besuchenden? Wie fällt das Licht in die Kirche ein? Gibt es zwölf Lichter für die Apostel und gibt es einen Kreuzweg? 

Annäherungen
Es ergibt dann Sinn, sich dem Altar und dem Ambo bzw. der Kanzel zu nähern, die häufig das Zentrum bilden. Tisch des Wortes und Tisch des Brotes bilden die beiden zentralen Orte einer Kirche. Wie sind sie ausgestattet und was besagt ihre Bauweise? Wie ist der Chorraum gestaltet? Gibt es farbige Bilder, Glasmalereien der Kirchenfenster oder kunstvoll gestaltete Bilder? Was ist deren Aussage? Wir schreiten weiter und begehen die Seitenschiffe. Wo befinden sich der Tabernakel und das ewige Licht oder fehlt beides als Charakteristikum einer nicht katholischen Kirche? Welchen Stellenwert hat eine allfällige Marienstatue? Gibt es dort die Möglichkeit, Kerzen anzuzünden für die Besucherinnen und Besucher? Schliesslich sucht man den Taufstein. Ist er vorne oder hinten in der Kirche? Wie ist er ausgestaltet, der beide Hauptkonfessionen in der Schweiz miteinander verbindet? Nicht zu vergessen ist der ganze Bereich der Orgel, der vielleicht gerade Platz eröffnet für einen Chor, der den Gottesdienst mitgestaltet. Es gibt viele weitere Orte in einer Kirche zu erkunden und zu erspüren. Entscheidend ist aber die Botschaft, die ein Gottesdienstraum bereithält und die entdeckt werden will. Diese Botschaft kann uns bereichern und mit den Bauleuten in Verbindung bringen. Ähnliches gilt für Synagogen, die vor dem Krieg erbaut, die in der Kristallnacht abgefackelt wurden und die vielleicht jüngst wieder aufgebaut worden sind. Sie haben eine Botschaft an die kommenden Generationen parat, die es aufzunehmen gilt. Und nochmals Vergleichbares gilt für Moscheen, die wohl eher am Stadtrand gebaut wurden. 

Fazit
Das pädagogische Anliegen der Kirchen- bzw. Sakralraumpädagogik besteht darin, in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft den Sinngehalt christlicher Kirchenräume verschiedensten Adressatengruppen ganzheitlich mit erfahrungsorientiertenMethodennahezubringen. Nicht distanziert soll ein sakraler Raum zur Kenntnis gebracht werden. Vielmehr sind die Besuchenden in das ganze Geschehen einzubeziehen, mit ihren Fragen zu involvieren und im besten Falle zu beunruhigen. Das neue Kapitel der Religionspädagogik ist deshalb in der früheren DDR entstanden, weil in einem atheistischen Umfeld schon früh erkannt wurde, dass die Kirchen Brücken schlagen können zu den elementaren Fragen der Menschen. 

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