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Mitsprache der Frauen in der katholischen Kirche bleibt ein heisses Eisen, wie unsere vierteilige Serie aufzeigt. Dabei gerät aus dem Blick, dass es in der Schweiz Frauen in Schlüsselpositionen gibt. Eine von ihnen ist Pia Brüniger-von Moos, Spitalseelsorgerin und Sprecherin des ‹‹Wort zum Sonntag» bei SRF.

von Stephan Leimgruber

Aufgewachsen in Sachseln, erster Beruf Betriebsassistentin bei der Post, Freude am Kontakt mit den Menschen, Ausbildung zur Katechetin, dann ein Theologiestudium, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Wie sehen Sie Ihre Karriere im Rückblick?

Für mich ist die bisherige Lebensgeschichte weder Aufstieg noch Karriere, sondern viel eher eine Entwicklung – vor allem jedoch Geschenk und Fügung. Unterstützt wurde ich durch ein privates Umfeld, das mitgetragen und Freiräume ermöglicht hat, durch Menschen im kirchlichen Umfeld, die mich begleitet und ermutigt haben, und nicht zuletzt dank guter Gesundheit. Bestärkend war, ist und bleibt mit mir auf dem Weg auch meine geistliche Begleiterin.

Was hat Sie zum zweiten Beruf der Seelsorgerin motiviert? Waren es die bunten Erfahrungen in den katholischen Jugendverbänden Blauring und Jungwacht?

An Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes und ich mag einfach Menschen! Das ist vielleicht die Grundvoraussetzung für den Beruf der Seelsorgerin. Die Erfahrungen in und mit den Jugendverbänden Jungwacht und Blauring waren wesentlich: Gemeinschaft, gelebter Glaube, eine unkomplizierte Kirche – dieses positive und unbelastete Kirchenbild prägt mich bis heute.

Als Sachslerin waren Sie nahe bei Bruder Klaus und beim Ranfttreffen. Haben Sie Jugenderinnerungen an ihn und eingeprägte Begegnungen mit dem Heiligen in der Klause?

Als Kind war es selbstverständlich, mit unseren Anliegen in den Ranft zu gehen und eine Kerze anzuzünden. Erst viel später habe ich mich mit der Biografie und dem Wirken von Bruder Klaus und Dorothea intensiver auseinandergesetzt. Heute ist für mich der Ranft als Ort entscheidend. Mein Lieblingsplatz ist die Bank vor der Klause. Regelmässig gehe ich dorthin. Aus dem Alltag hinabsteigen in die Stille – verweilen – und über die Treppe wieder «auftauchen»: In den Ranft gehen, das tut mir einfach gut.

Das «Wort zum Sonntag» ist thematisch frei. Nicht frei ist, dass Sie aus christlicher Sicht Ereignisse des Alltags kommentieren. Ist das nicht ein grosses Wagnis?

Öffentlich vor einem breiten Publikum stehen und Position beziehen aus christlicher Sicht, aus menschlicher Sicht, und unter dem Label katholische Kirche − ja, das ist in der Tat eine Herausforderung für mich. Doch die Botschaft unseres Glaubens ist mir wichtig, Dafür lohnt es sich, die Herausforderung anzunehmen.

Was gibt es beispielsweise zu der COVID-19-Pandemie aus der Sicht des Glaubens zu sagen?

Wir hören und lesen Zahlen von Toten und Infizierten. Doch es geht um Menschen, jede und jeder mit seinem Umfeld, ihrem Umfeld, der eigenen Geschichte. Ebenso dürfen auch all jene, die mit den wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen haben, die unter den sozialen Auswirkungen leiden, nicht vergessen gehen: Existenz- und Zukunftsängste, Einsamkeit, Depressionen … alle Generationen sind davon betroffen. Die Pandemie – von dem griechischen pan = all, gesamt, demos = Volk, Land – betrifft uns alle und braucht uns alle. Gemeinschaft − Solidarität − Endlichkeit − Hoffnung − Trost und Halt … aus der Sicht des Glaubens gibt es zur Pandemie viel zu sagen und sie regt auch zum vertieften Nachdenken an. Doch neben allem Reden und Denken sind letztlich in allem unsere persönliche Haltung und unser Handeln gefragt.

Menschen am Samstagabend in Feiertagslaune anzusprechen ist nicht einfach. Und dann einen flüssigen stimmigen Gedankengang hinlegen braucht doch intensive Vorbereitung.

Ich denke beim Sprechen nicht an Tausende von Menschen, denn wir reden zu Menschen, die allein, zu zweit oder zu dritt vor dem Fernseher sitzen. Dementsprechend setze ich mich in Gedanken einfach zu diesen Menschen an den Stubentisch oder aufs Sofa und spreche zu ihnen in einem vertrauten, privaten Rahmen.

Sie haben bisher zwei Stellen in der Seelsorge wahrgenommen, eine in Luzern und eine in Sursee. Welche Unterschiede haben Sie in der Seelsorge festgestellt?

Beide Pfarreien sind zahlenmässig etwa gleich gross: rund 10 000 Katholikinnen und Katholiken. Letztlich ist es wie überall in der Schweiz: Die Entfremdung vom Pfarreileben und von der Kirche schreitet voran, in Luzern etwas schneller als noch in Sursee. Für die Pfarreiarbeit bedeutet das ein Umdenken: nicht hinter Kirchenmauern und Altären bleiben, sondern vertraute Pfarreiräume verlassen und hinausgehen zu den Menschen, dort wo sie leben, wie damals vor 2000 Jahren!

Im Herbst 2020 haben Sie in die Spitalseelsorge am Kantonsspital Luzern gewechselt. Stimmt es für Sie, dass Sie den kranken Personen ein gutes Wort geben können, einen Krankensegen und die heilige Kommunion?

Wir besuchen Patientinnen und Patienten unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Im Mittelpunkt steht die Begegnung von Mensch zu Mensch. Zuerst geht es um das Dasein und Zuhören! Erst dann gilt es achtsam wahrzunehmen oder je nach Situation auch ganz konkret nachzufragen, ob ein Segen, ein Gebet oder die heilige Kommunion stimmig ist. Die Frage ist immer, welches Bedürfnis hat der Patient oder die Patientin.

Sie werden mit Situationen des Abschieds und des Sterbens konfrontiert. Sie müssen mit den Angehörigen sprechen und ihnen eventuell Schweres mitteilen. Was empfinden Sie dabei?

Betroffenheit – Mitgefühl − Anteilnahme − je nach Situation auch Ohnmacht. Da gibt es nicht das richtige Wort, sondern es geht darum, da zu sein und mit auszuhalten. Dasein kann Halt geben, wenn sonst nichts mehr trägt.

Welches Gottesbild hat für Sie Priorität? Der Hirte, der Richter, der Erlöser, der Retter, Gott als Vater und Mutter, Gott im Kind an Weihnachten?

Am stärksten begleitet mich das Gottesbild, wie es im Buch Exodus vorkommt. Gott ist der Ich-bin-da.

Hat nach Ihrer Meinung die Kirche ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, in Corona-Zeiten den alten und kranken Menschen zu begegnen?

Ich staune, wie kreativ die Pfarreien in Zeiten von Corona sind. Und es wird viel getan. Neben den Alten und Kranken scheint es mir wichtig, auch die Jungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch sie sind auf vielfältigste Art und Weise von der Pandemie betroffen. Hier stellt sich für mich eine grundlegende Frage: Wie erreicht die Kirche junge Menschen? Jugendliche lesen weder das Pfarreiblatt noch schauen sie SRF oder hören Radiosendungen. Da braucht es neue Formate.

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