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Die COVID-19-Krise hat für viele zu einem Leben in dunklen Zeiten geführt. Resultiert daraus auch eine Veränderung zum Besseren? Der deutsche Philosoph Markus Gabriel geht davon aus.

von Anton Ladner

Markus Gabriel ist ein Senkrechtstarter. Mit 29 Jahren war er bereits Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Seiher ist er regelmässiger Gastprofessor an der Sorbonne, an der University of Berkeley, der New York University usw. Als heute 40-Jähriger hat er schon eine Reihe von Büchern verfasst, die bereits in 15 Sprachen übersetzt wurden. Im vergangenen Jahr hat er das Buch «Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten» herausgegeben. Das Buch wurde sehr kontrovers aufgenommen. Seine Hauptaussage hat inzwischen an beängstigender Aktualität gewonnen: Die von ihm thematisierten Leugner verbindlicher Werte scheinen allgegenwärtig und damit die Krise der liberalen Demokratie, der allgegenwärtige Rassismus, der Raubbau an der Natur und die Ausbreitung des Populismus.

Bei diesen Worten tauchen Bilder vom Sturm aufs US-Kapitol auf, Erinnerungen an Donald Trumps Behauptungen, er habe die US-Präsidentschafts-Wahlen gewonnen, und auch Bilder der Meldungen über die gefährlichen Mutationen des Coronavirus. Alles laufe, so Markus Gabriel in seiner These, nach dem Muster einer Selbstabschaffung des Menschen. Aber für den wohl bekanntesten Gegenwartsphilosophen im deutschsprachigen Raum steht auch fest: Es gibt Grundwerte, die nicht verhandelbar sind, die als Basis ein gutes Leben eröffnen. Ihm geht es dabei um Werte, die für alle gelten, an denen sich eine Gesellschaft ausrichten muss. «Wir leben in dunklen Zeiten, aber es ist eine Zeit des moralischen Wachstums», sagt Gabriel in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Repubblica.

«Eigentlich glaube ich nicht, dass die aktuelle Krise die Idee des Fortschritts widerlegt, im Gegenteil, sie verstärkt sie sogar noch. Nehmen Sie die Debatte über Impfstoffe, die allerdings allzu oft mit antiwissenschaftlichem Unsinn gespickt ist: Wir waren noch nie in der Lage, einen wirksamen Impfstoff schneller herzustellen als jetzt. Während wir unter einer schrecklichen Pandemie leiden, haben wir auch bemerkenswerte moralische Fortschritte gemacht.» Vergessen dürfe man auch nicht, dass man Donald Trump habe loswerden können, weil er angesichts der unbestreitbaren Fakten so kläglich versagt habe. «Ich glaube, wir leben in einer Zeit der Neuen Aufklärung. (…) Diese Neue Aufklärung ist gewissermassen das gesellschaftspolitische Projekt, das mit dem Realismus verbunden ist. Meiner Ansicht nach sollte die Philosophie eine neue Vision des Guten entwickeln.» Für Markus Gabriel geht es dabei darum, die Menschheit nicht nur gegen Coronaviren zu immunisieren, sondern auch gegen Fake-News und andere Formen von gefährlichem Unsinn.

«Eine Gesellschaft der Zusammenarbeit, deren Hauptziel es ist, zu verstehen, wer wir als Menschen sind, was wir einander, aber auch Tieren und dem Planeten schulden, damit wir nach dem katastrophalen Scheitern einer rein neoliberalen Interpretation der Globalisierung ein effektives Modell einer nachhaltigen Lebensform schaffen können.» Für den Philosophen ist nicht der Fortschritt als solcher das Problem, sondern die Art des Fortschritts, die die Menschen für  erstrebenswert halten. «Ich denke, wir müssen die Idee des moralischen und ethischen Fortschritts neu beleben.» Der Fortschritt sei nicht von einer automatischen Kraft angetrieben, sondern hänge von den Menschen ab, die mit geistigen Fähigkeiten ausgestattet seien, die es zu kultivieren gelte, so Markus Gabriel.

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