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Ob höfische Komplotte oder Verschwörungstheorien angesichts der Pest: Die Verunsicherung über den Wahrheitsgehalt von Nachrichten ist Wissenschaftlern zufolge kein neuartiges Phänomen, wie eine Tagung des Exzellenzclusters Religion und Politik der Universität Münster Anfang Juli deutlich machte.

von Martin Steger

«In Krisenzeiten konnte das Aushandeln von wahren und falschen Informationen seit jeher lebhafte Dynamiken entfalten. Dies gilt auch für das Mittelalter, obwohl die Kommunikation in dieser Zeit viel stärker leibhaftige Anwesenheit voraussetzte», erläutern die Romanistin Pia Claudia Doering und der Historiker Marcel Bubert. «Das Verbreiten von Fake News und Einschätzen des Wahrheitsgehaltes von Nachrichten sind entgegen heutigen Vorstellungen nicht zwingend an Massenmedien gebunden.»

Doering und Bubert vertieften diesen Aspekt auf einer Tagung zu Fake News im Mittelalter. «Beim wissenschaftlichen Blick zurück geht es nicht um die Frage, was heute erkennbar falsch ist, wie etwa Meldungen über monsterhafte Wesen oder Hexen. Wir fragen vielmehr nach Bedingungen, unter denen Geltungs- und Wahrheitsansprüche akzeptiert oder abgelehnt wurden», erklärte Bubert. Die Tagung am 1. und 2. Juli eröffnete geschichts- und literaturwissenschaftliche Perspektiven auf mittelalterliche Aushandlungen von Wahrheit und Lüge. Das thematische Spektrum reicht von Wahrheitskonstruktionen in Romanen um den legendären König Artus und seine Ritter der Tafelrunde, Reflexionen des Autors Michel de Montaigne (1533−1592) über die Lüge, antijüdischen Ritualmord- und Verschwörungsvorwürfen bis hin zu damaligen Kontroversen über Astrologie.

«Die Literatur ist traditionell mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Fiktionen seien Lug und Trug», führte Pia Claudia Doering aus. Die Verteidigung gegen solche Vorwürfe führe zu einer tieferen Reflexion über das Verhältnis von wahr und falsch. Literarische Texte tragen der Wissenschaftlerin zufolge entscheidend zur Entwicklung von Verfahren bei, die die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung und Dichtung, zwischen Wahrheit und Fiktion ausloten. «Wir bringen deshalb Literaturwissenschaftler und Historiker zusammen. Wir diskutieren gemeinsam über sprachlich-rhetorische und mediale Strategien der Evidenzproduktion.»

Über Fake News im Mittelalter erschien im Vorfeld der Tagung eine Publikation mit vielen historischen Beispielen – etwa eine Kampagne des französischen Königs Philippe des Schönen gegen die Tempelritter, ein geistlicher Ritterorden, dem er schwerwiegende Verbrechen wie Sodomie und Ketzerei unterstellte. Das Vorgehen gegen den Templerorden sorgte zu Beginn des 14. Jahrhunderts in ganz Europa für Aufsehen, weckte nach den Schilderungen von Marcel Bubert aber auch Skepsis: Manche Zeitgenossen vermuteten, der König handle allein aus Habgier, was dieser dementierte. «Der Hof gerät nun in die Lage, kursierende Nachrichten über die wahren Absichten des Königs als falsch deklarieren zu müssen. Das ist bemerkenswert.» Angesichts dieser Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Behauptungen seien viele Zeitgenossen verunsichert gewesen über den Wahrheitsgehalt verbreiteter Nachrichten. Ein französischer Chronist drückte es prägnant aus: «Ich weiss nicht, wer wahr sagt, wer lügt.»

Pia Claudia Doering und Marcel Bubert plädieren mit Blick auf solche Befunde dafür, Fake News nicht allein als aktuelles Phänomen zu betrachten, wie es in der öffentlichen Meinung häufig der Fall sei. Manche Forscherinnen und Forscher würden den gegenwärtigen «flexiblen Umgang mit Fakten» auf ein postmodernes Denken zurückführen, das Wahrheit als soziale Konstruktion verstehe, andere vor allem den digitalen Medienwandel als ausschlaggebend für die veränderte Produktion von Wahrheiten sehen. «Wenn wir aktuell in einer postfaktischen Ära leben, wie in der medialen Diskussion oft behauptet wird, müsste es ja ein faktisches Zeitalter gegeben haben, in dem der Umgang mit Nachrichten ganz anders funktioniert hat», so Marcel Bubert. «Die Situation, dass eine Vielfalt von Wahrheitsangeboten die Welt unübersichtlicher macht, ist aber nicht grundlegend neu, auch in viel früheren Zeiten mussten die Menschen mit konkurrierenden Wahrheitsansprüchen umgehen.»

Gerade konflikthafte Ereignisse wie Seuchen, Kriege oder der Tod eines Herrschers waren oft von Gerüchten begleitet, wie die Forscher darlegen. Teilweise wurden Gerüchte geschürt und lösten aufgrund ihrer politischen Brisanz spektakuläre Deutungskämpfe aus. «Die Nachrichten verbreiteten sich über reisende Händler, Spielleute, Pilger und Prediger sowie durch Briefe und Flugblätter – für damalige Verhältnisse durchaus in rasantem Tempo», erläutert Marcel Bubert. Lange vor der COVID-19-Pandemie sorgten Verschwörungstheorien angesichts der grossen Pestwelle im 14. Jahrhundert für Irritationen. Das Gerücht, die Pest sei auf Brunnenvergiftungen durch Juden zurückzuführen, wies Papst Clemens VI. höchstselbst mit dem Hinweis zurück, schliesslich seien auch Juden an der Pest gestorben.

 

Auch die Literatur der Zeit sage viel über den Umgang mit Falschmeldungen, wie Pia Doering darlegt. Mittelalterliche Dichter wie Dante Alighieri (1265−1321), Francesco Petrarca (1304−1374), Geoffrey Chaucer (um 1342-1400) oder auch Christine de Pizan (1364−nach 1429) erkennen den immensen Einfluss von Gerüchten, Halbwahrheiten und Falschmeldungen. Sie verwandeln ihre Beobachtungen in anschauliche Bilder: Das Gerücht wird in antiker Tradition als fliegender Dämon gedacht, dessen Körper über und über mit Augen, Ohren, Mündern und Zungen versehen ist. Im «Rosenroman», das einflussreichste Werk der französischen Literatur des Mittelalters, deckt die Figur des Falschen Scheins als vollkommener Verstellungskünstler die Mechanismen religiöser Heuchelei auf. Somit zeigen, trotz gänzlich anderer medialer Voraussetzungen, die mittelalterlichen Deutungskämpfe um wahr und falsch starke Analogien zur Gegenwart.

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