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In der Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Theologie hat mich ein besonderes Weihnachtsbild überrascht: Gott tritt wie ein Bettler an den Menschen heran. Wie können wir dieses Bild verstehen? 

Schon bei der Erschaffung der Welt, der Erschaffung des Adam musste Gott die Erfahrung machen, dass seine schiere Grösse den Menschen zum Widerspruch und Widerstand reizt. Durch die Allmacht Gottes fühlt sich der Mensch in seiner Freiheit bedroht. Er hat Angst vor diesem alles wissenden, alles könnenden, alles sehenden Gott. Adam und Eva, die sich hinter den Büschen verstecken, weil sie die verbotenen Früchte genossen haben. Oder Kain, der, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat, wie trotzig in den Himmel ruft: Bin ich denn der Hüter meines Bruders. Die als bedrohlich empfundene Grösse und Allmacht Gottes lösen einen menschlichen Reflex des Selbstschutzes aus.  

Deshalb wählt Gott einen anderen, einen neuen Weg. Er wird ein Kind. Er wird abhängig und schwach. So wird Gott der Liebe bedürftig wie ein Bettler. Gott begegnet uns als Kind als letzter dramatischer Appell Gottes, seine flehentliche Bitte an den Menschen, unsere ablehnende Haltung aufzugeben und uns der Liebe Gottes zu öffnen: Nun könnt ihr nicht mehr Angst haben vor mir, nun könnt ihr mich nur noch lieben, so spricht zu uns ein Gott, der ein Kind wird.  

Gott begegnet uns als ein Kind. Die Menschwerdung als ein Werben Gottes um die Zustimmung des Menschen, als Höhepunkt eines langen erzieherischen Prozesses. Gott erkennt wie jeder gute Pädagoge, wie wenig er durch Drohungen und Strafen bewirken kann. Nur indem er die menschliche Freiheit umwirbt und sie in diesen Erziehungsprozess mit einbezieht, hat er eine Chance, den menschlichen Schutzpanzer aufzubrechen. Nur so kann er den Menschen zu einer höheren Freiheit und zu einer tieferen Gemeinschaft mit ihm führen.  

Auch die deutschsprachige Märchenwelt kennt diese Figur des Kleinwerdens, um Leben und Gemeinschaft zu ermöglichen. Es ist das Märchen des Königs, der sich in ein armes Mädchen, in das Kind eines Bettlers verliebt. Wie soll, wie kann der König vorgehen, um das Herz des Mädchens zu gewinnen? Drohungen und Einschüchterungen scheiden aus. Er kann die Zuneigung des Mädchens nicht erzwingen. Wenn der König das arme Mädchen mit Geschenken überhäuft, bleibt der König im Ungewissen, ob die Liebe des Mädchens wirklich echt ist oder ob ihre Liebe nicht eher den Geschenken gilt. Wenn sich der König nur vorübergehend als Bettler verkleidet, wird der Betrug irgendwann offenbar und das Mädchen wird seine Liebe zu ihm bereuen. So bleibt dem König als einziger Weg: Er muss in die kleine, enge, armselige Welt des Mädchens eintreten, vorbehaltlos und ohne Rückzugsoptionen. Nur so hat er eine Chance, das Herz des Mädchens zu gewinnen.  

Dieses Märchen greift der dänische Philosoph Søren Kierkegaard auf, um das Menschwerden Gottes plausibel und verständlich zu machen. Indem Gott ein Kind wird, kann Gott die Angst des Menschen überwinden. Die Angst, eine der unseligen Kräfte in uns Menschen, kann überwunden werden.

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