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In einem Interview, das in dem italienischen Buch «Der Blick, die Tür des Herzens» erschienen ist, spricht Papst Franziskus über seine Liebe zu den Filmen des 20. Jahrhunderts – von RosselliniDe Sica und Fellini. Die Leidenschaft für den italienischen Film wurde ihm von seinen Eltern in die Wiege gelegt 

von Anton Ladner 

«Meine Filmkultur verdanke ich vor allem meinen Eltern. Als Kind bin ich oft ins örtliche Kino gegangen, wo sie drei Filme hintereinander gezeigt haben. Es ist eine der schönsten Erinnerungen an meine Kindheit», erzählt Papst Franziskus. «Meine Eltern lehrten mich, Kunst in ihren verschiedenen Formen zu geniessen. Samstags zum Beispiel hörten meine Mutter, meine Brüder und ich die Opern, die auf Radio del Estado gesendet wurden. Sie zwang uns, neben dem Gerät zu sitzen, und bevor die Sendung begann, erzählte sie uns die Handlung der Oper. Wenn eine wichtige Arie beginnen sollte, warnte sie uns: ‹Seid vorsichtig, das ist ein sehr schönes Lied.› Es war eine wunderbare Sache.»  

Dario Edoardo Viganò konnte für sein Buch «Der Blick, die Tür des Herzens – der Neorealismus zwischen Erinnerung und Aktualität» den Papst zu seiner Filmleidenschaft befragen. Der Brasilianer ist Priester und Kommunikationswissenschaftler und war bis 2018 der Informationschef des Vatikans. Seit 2019 amtet er als Vizekanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Er hat schon oft über das Filmschaffen veröffentlicht und gilt deshalb als Filmexperte. Das Buch wurde am 21. Juli im Palazzo Borromeo in Rom präsentiert.  

Aus dem Buch geht hervor, dass Papst Franziskus eine enge Beziehung zum italienischen Neorealismus hat. «Im Alter von zehn bis zwölf Jahren habe ich, glaube ich, alle Filme mit Anna Magnani und Aldo Fabrizi gesehen, darunter auch Roberto Rossellinis Roma città aperta, den ich sehr geliebt habe. Für uns Kinder in Argentinien waren diese Filme sehr wichtig, weil sie uns die grosse Tragödie des Weltkrieges tief verstehen liessen.» Papst Franziskus beeindruckt die Wirkung eines Films: «Die Filme des Neorealismus haben unsere Herzen geformt und können es immer noch. (…) Diese Filme lehrten uns, die Realität mit neuen Augen zu sehen. Wie sehr müssen wir heute lernen zu schauen! Die schwierige Situation, in der wir uns befinden und die tief von der Pandemie geprägt ist, erzeugt Besorgnis, Angst und Entmutigung: Deshalb brauchen wir Augen, die in der Lage sind, die Dunkelheit der Nacht zu durchschneiden und den Blick über die Mauer hinaus zu heben, um den Horizont abzutasten.» 

Für den Papst ist das neorealistische Kino ein Blick, der das Gewissen provoziere. Der neorealistische Blick sei in vielen Filmen der Blick der Kinder auf die Welt gewesen. «Ein reiner Blick, der alles erfassen kann, ein klarer Blick, durch den wir sofort und eindeutig Gut und Böse erkennen können.» La Strada von Federico Fellini habe er damals am meisten geliebt. «Ich identifiziere mich sehr mit diesem Film, in dem wir einen impliziten Bezug zum Heiligen Franziskus finden. Fellini hat es geschafft, die Ansicht der Schwächsten in ein neues Licht zu rücken. In diesem Film ist die Geschichte über die Schwächsten exemplarisch und eine Aufforderung, ihre kostbare Sicht auf die Realität zu bewahren.» 

Für Papst Franziskus gelingt es dem neorealistischen Blick, in die Herzen zu schauen. «Ein Blick, der die Realität, aber auch das Herz berührt, ist ein Blick, der die Realität verändert. Es ist kein Blick, der Sie dort lässt, wo Sie sind, sondern ein Blick, der Sie aufnimmt, der Sie erhebt, der Sie einlädt, aufzustehen. Das neorealistische Kino hatte diese für grosse Kunst typische Kraft, im Winter das einzufangen, was bereits Frühling war. Es ist ein Blick, der in der Dunkelheit den Geschmack und den Sinn für Licht bewahrt.» Das Kino lehre, wie man Erinnerung schaffe und bewahre, durch einen Blick, der die Botschaft übersetzen und entschlüsseln könne. «Wir müssen gute Hüter des Gedächtnisses in Bildern sein, um es an unsere Kinder, unsere Enkelkinder weiterzugeben. Wir dürfen die Bedeutung dieser Dokumente nicht unterschätzen, die, obwohl sie ein junges Erbe sind, paradoxerweise sehr zerbrechlich sind und ständiger Pflege bedürfen: Vieles ist bereits durch Vernachlässigung und Mangel an Ressourcen und Fachwissen verloren gegangen. Wir müssen mehr an dieser Front tun, auch als Kirche.» 

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