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Die britische Enklave Gibraltar hat fast die gesamte Bevölkerung gegen COVID-19 geimpft, ebenso die Tausenden von Gastarbeiter, die täglich von Spanien über die Grenze kommen. Trotz der Corona-Herdenimmunität erfolgt die Öffnung vorsichtig.  

von Manuel Meyer

Im Lord Nelson Pub auf Gibraltars Casemates Square ist kaum noch ein Tisch frei. Gleich beginnt das FussballChampions LeagueViertelfinale Liverpool gegen Real Madrid. Stuart, Jeff und Eric sind bereits in guter Stimmung. Sie haben den besten Platz direkt vor dem Fernseher erwischt. Mit Guinness-Bier in der Hand stimmen die drei Liverpool-Fans die Vereins-Hymne «You´ll never walk alone» an. Die Fussballkneipen-Szene wirkt vertraut und gleichzeitig so ungewohnt wie befremdlich. Niemand trägt Mundschutzmasken. Man sitzt eng zusammen, teilt sich einige Tapas. Es wird gesungen, gefeiert, gejubelt, geflucht. «Wie ich diese Fussballabende mit meinen Freunden vermisst habe. Es tut gut, wieder ein relativ normales Leben führen zu können», sagt Stuart. 

Gibraltar, die kleine britische Enklave am Südzipfel Spaniens, hat bereits das erreicht, worauf die Schweiz und der Rest der Welt wohl noch bis zum Spätsommer oder sogar bis zum Herbst warten müssen – die Herdenimmunität gegen das Coronavirus! Seit Mitte April sind mit 85 Prozent praktisch alle Einwohner über 16 Jahre gegen COVID-19 geimpft. Unter den über 60-Jährigen sind sogar 98 Prozent der Bevölkerung immunisiert. Logistisch war die Durchimpfung Gibraltars bei knapp 34 000 Menschen kein grösseres Problem. Zumal London planmässig Anfang Januar die notwendigen Impfstoffe von Pfizer-BioNTech schickte. 

Seitdem herrscht in Bars, Restaurants, auf den Strassen und in den meisten Einrichtungen keine Maskenpflicht mehr. «Seit zwei Wochen können wir wieder ohne Masken trainieren», freut sich Patrick vom Peak Gym Gibraltar. Es gibt auch keine nächtlichen Ausgangssperren mehr. Bars und Restaurants sind jetzt wie vor der Pandemie wieder bis zwei Uhr morgens offen. Mit bis zu zwölf Personen darf man am Tisch sitzen. Die Bürger können sich auch wieder problemlos mit mehreren Freunden zu Hause treffen. Schulen, Geschäfte, Kinderspielplätze, Kirchen und Theater sind wieder geöffnet. Sogar Live-Konzerte und Fussball-Spiele dürfen wieder mit Zuschauern stattfinden. 

Fast normales Leben
Auf so viel Freiheit muss die Schweiz wohl noch monatelang warten. 
Die Corona-Massenimpfung nimmt zwar auch bei uns Fahrt auf. Doch sind bisher mit rund 850 000 Personen gerade einmal 10,4 Prozent der Bevölkerung mit zwei Dosen vollständig geimpft worden. Unterdessen beginnt in Gibraltar bereits wieder ein fast normales Leben, wie wir es vor der Corona-Pandemie kannten. Aber nur fast. Denn die «Impfung ist kein Freibrief, einfach zur alten Normalität überzugehen. Wir müssen weiterhin vorsichtig sein und führen trotz der Durchimpfung der Bevölkerung nur langsam und schrittweise Lockerungen ein», stellt Gibraltars Gesundheitsministerin Samantha Sacramento klar. 

So herrscht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen sowie in kleineren Geschäften weiterhin Maskenpflicht. Busse dürfen nur zur Hälfte besetzt werden. Kellner, Putz- und Pflegepersonal mussten noch bis zum 1. Mai weiterhin Masken tragen. «Soziale Distanz und Händewaschen bleiben wichtig – trotz Impfung», so Sacramento. Mit einem Impfpass wurde strikt darauf geachtet, wer wo was machen darf. Zudem erstellt das Gesundheitsministerium derzeit ein digitales Impfregister, das auch mit dem System des Vereinigten Königreichs sowie dem der Europäischen Union gekoppelt werden kann. Des Weiteren hat jeder eine App, die Impfdaten und Testergebnisse speichert. Wer von Gibraltar in die EU reist, ist verpflichtet, sich bei der Rückkehr bei den Behörden zu melden. 

Auch bei Grossveranstaltungen wie Konzerten, Fussballspielen sowie bei Theater- und Kinobesuchen lockert man nur nach und nach. Beim WM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande waren Ende März erstmals 600 Zuschauer zugelassen. Voraussetzung war, beide Impfdosen erhalten und am Tag des Spiels einen negativen Corona-Schnelltest gehabt zu haben. Danach konnten in Gibraltars Victoria Stadium 50 Prozent der insgesamt 5000 Plätze belegt werden. Seit dem 30. April dürfen bei allen Kultur- und Sportevents wieder 66 Prozent aller Lokalitäten besetzt werden und ab dem 14. Mai dann erneut 100 Prozent.  Alles hänge natürlich davon ab, ob Gibraltar weiterhin «COVIDfree» bleibe, meint Gesundheitsministerin Sacramento. Sie gibt sich aber positiv. In einer kleinen Nation wie der ihren mit einer ebenfalls kleinen Regierung könne man «sehr schnell und effektiv auf Veränderungen reagieren und kurzfristig Lockerungen zurückziehen und Gegenmassnahmen einleiten». Sie hat bereits Notfallpläne ausgearbeitet, darunter auch die Auffrischung der Impfungen mit Boostern.  

Auch wenn die Lust nach Freiheit und Normalität gross ist – die Einwohner unterstützen die vorsichtige Öffnung trotz Herdenimmunität. Obwohl auf der Strasse und in den meisten Gebäuden und Bars keine Maskenpflicht mehr herrscht, tragen sie trotzdem noch viele. «Wir sind verunsichert. Wir mussten sehr leiden»versichert Veronica Ronco. Zunächst verlief die Pandemie lange relativ milde in Gibraltar. Doch Mitte Dezember erreichte wohl über Direktflüge aus London auch Gibraltar die britische, deutlich infektiösere COVID-Variante. Insgesamt infizierten sich 4291 Menschen, 94 starben  der Grossteil zwischen Anfang Dezember und Mitte Januar. «Das sind ziemlich viele bei einer so kleinen Bevölkerung wie der unseren. Wir hatten richtige Angst», meint Ronco. 

Die 46-jährige Mutter von zwei Kindern hatte sich nicht infiziert. Sie arbeitet allerdings bei einem Hörgeräte-Hersteller und hat vor allem viel mit älteren Menschen zu tun. «Allein aus diesem Grund bin ich schon vorsichtiger.» Auch ihre Chefin wurde bereits in Gibraltar geimpft. Dabei ist María Sol Vázquez Spanierin. Sie lebt eigentlich in der Grenzstadt La Línea de la Concepción, wo sie eine zweite Firmenfiliale unterhält. Doch täglich pendelt sie wie fast 15 000 andere Spanier über die Grenze und das dahinter liegende Rollfeld des Flughafens nach Gibraltar. 

Geimpfte Grenzgänger
Die meisten 
Gastarbeiter sind im Gesundheits- und Pflegesektor beschäftigt, im Gastronomiebereich sowie in den zahlreichen Geschäften des Shopping-Paradieses. «So haben wir selbstverständlich auch die bei uns arbeitenden Spanier geimpft. Die Pandemie kennt keine Grenzen»erklärt Gesundheitsministerin Sacramento. Bisher ging alles gut, die Strategie aufDerzeit ist kein einziger Einwohner des britischen Überseegebiets an der Meerenge zwischen Europa und Afrika mit COVID-19 infiziert. Grund dafür sei neben einer gut geplanten Impfkampagne aber auch das Verhalten der Bürger gewesen, stellt Gesundheitsministerin Samantha Sacramento klar. «Mit einer Grösse von gerade einmal 6,7 Quadratmetern verfügt Gibraltar über eine extrem hohe Bevölkerungsdichte. Ich glaube, alle waren sich bewusst, verantwortlich handeln zu müssen, um eine grössere Katastrophe zu verhindern. Jeder kennt hier jeden. So war auch eine enorm grosse Solidarität zwischen den Generationen zu spüren»sagt Sacramento in ihrem Büro im obersten Stockwerk des örtlichen St. Bernard´s Krankenhauses. 

Trotz Herdenimmunität hat Gibraltars Ringen um die Wiedererlangung der Normalität eigentlich gerade erst begonnen. Man will es ruhig angehen lassen. Gleichzeitig muss sich die kleine Landzunge allerdings öffnen – vor allem für Touristen. «Der Tourismus macht fast 45 Prozent unseres gesamten Bruttoinlandsproduktes aus. Wir müssen einen Mittelweg zwischen Öffnung und Schutz finden», versichert Tourismusminister Vijay Daryanani. Er hofft, dass im Sommer die einzige Gefahr wieder von den frechen Berber-Affen oben auf dem Felsen ausgeht, die Touristen die Butterbrote und Wasserflaschen aus der Hand klauen. So startete die Regierung bereits in Grossbritannien eine gross angelegte Werbekampagne für den Besuch im «COVID-freien» Gibraltar.  

Das wünschen sich auch die Tausende Arbeitspendler aus Spanien. Die gesamte Bucht von Algeciras hängt vor allem davon ab, dass Gibraltar wieder wie vor der Pandemie jährlich von bis zu sieben Millionen Touristen besucht wird. Gibraltar lockt vor allem Briten mit Stränden und viel Sonne. Ein Stück Grossbritannien unter Palmen. Kellner servieren Paellas mit spanischem Rotwein und Fish and Chips mit britischem Bier. Täglich bummeln Tausende Touristen durch die Geschäfte an der Main Street und den umliegenden Einkaufsstrassen. Sie decken sich mit Zigarettenstangen, Spirituosen, Uhren, Parfüms und Kleidung ein. Das britische Überseegebiet ist ein Shoppingparadies ohne Mehrwertsteuer. 

«Bisher tut sich aber nicht viel. Aus Grossbritannien kommen nur wenige Flüge. Auch die fast 200 000 an der Costa del Sol lebenden britischen Residenten, unsere Hauptkunden, bleiben noch fern», erklärt María José Lara. Die 49-jährige Spanierin aus La Línea de Concepción verkauft in der Main Street in einem der vielen Duty-Free-Läden Gibraltars Tabak und Spirituosen. 

Doch die Einwohner Gibraltars fangen langsam an, wieder zu konsumieren. Allan Oncina muss im Lord Nelson Pub zumindest ein Bier nach dem anderen zapfen. «Ich habe die Stelle vor einem Monat erhalten, weil das Leben hier nun wieder richtig beginnt. Es fühlt sich gut an und über den Job bin ich wirklich froh. In Spanien habe ich während der Pandemie nichts gefunden», sagt der 24-jährige Spanier, der auch bereits seine erste Impfdosis erhalten hat. Er bringt Stuart und seinen Freunden eine letzte Runde Guinness. Es ist zwar erst 23 Uhr. Aber die Fussballfans haben keine Lust mehr zu trinken. Die Stimmung ist am Boden. Real Madrid hat den FC Liverpool aus der Champions League gehauen.  

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