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Der französische Politikwissenschaftler Gilles Kepel schreibt von einer veränderten Landkarte der arabischen Welt seit Beginn der Pandemie. Sein Fazit lautet: Der Nahe Osten werde die Zukunft auf der Welt prägen. 

von Anton Ladner 

In Paris gilt der 65-jährige Sozialwissenschaftler Gilles Kepel als hervorragender Arabist. Er unterrichtet an der Kaderschmiede Institut d’études politiques und hat auch den Lehrstuhl für den Nahen Osten an der Universität Paris Sciences & Lettres inne. Wenn Kepel seine Meinung äussert, wird genau hingehört. Denn er gilt auch als hervorragender Experte des politischen Islams und des radikalen Islamismus. In seinem  jüngsten Essay skizziert er die unmittelbarsten Auswirkungen der Pandemie in den arabischen Ländern. Der Titel seines Buches «Die Rückkehr des Propheten. Warum sich das Schicksal des Westens im Nahen Osten entscheidet» beinhaltet das Fazit seiner Analyse. Kepel untersuchte die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres, wie die Handelsblockade und der drastische Verfall der Ölpreise, die die Landkarte der arabischen Welt verändert haben. 

«Abraham»-Abkommen
Der wichtigste Faktor bei der Umwälzung war die Unterzeichnung der «Abraham»-Abkommen über die gegenseitige Anerkennung zwischen Israel und den vier arabischen Ländern – die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Sudan und Marokko. Sie schliessen für Kepel die wichtigste Bruchlinie im Nahen Osten, die 1948 zwischen dem jüdischen Staat und seinen Nachbarn entstanden ist. Aus Sicht Kepels steht dieses Abkommen zudem damit in Zusammenhang, dass auch Riad endlich erkannt habe, dass mit Erdöl nicht auf ewig Geld zu verdienen sei. Doch diese Entwicklung führt zu Gegenreaktionen: Kepel schreibt in diesem Zusammenhang von einem «atmosphärischen Dschihadismus». Er verweist auf die Teilnahme des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan am ersten grossen Gebet in der zur Moschee umfunktionierten Hagia Sophia, die zuvor ein Museum war. Und die Enthauptung des Geschichts- und Geografielehrers Samuel Paty in der Nähe von Paris durch einen jungen Islamisten tschetschenischer Herkunft. Der «atmosphärische Dschihadismus» verbreite sich jetzt wie ein Virus und infiziere sowohl Menschen als auch Institutionen.
 

Kampf in der gesamten Region
Auslöser dieser Entwicklung sind laut Kepel die «Unternehmer der Wut», zu denen er auch den bigotten Erdogan zählt. Er sei der Anführer der schiitischen Achse, die die Türkei, Katar und den Iran vereint, die den politischen Islam predigen. Sie stehen Israel, Saudi-Arabien, den Emiraten, Marokko und den Vereinigten Staaten feindlich gegenüber. Diese Lager bekämpfen sich in der gesamten Region, vom Libanon bis Syrien und von Libyen bis Jemen. Während das Regime der Ayatollahs aufgrund der Sanktionen eine innenpolitische und wirtschaftliche Krise durchlebt, ist die Türkei auf allen Schlachtfeldern präsent. In Afghanistan versucht die Türkei sogar in die von den Vereinigten Staaten hinterlassene Lücke zu drängen. Kepel warnt vor der Türkei und schreibt von einem Neo-Osmanismus mit der Unterstützung der Regierung in Tripolis und der aserbaidschanischen Regierung mit einer antikurdischen Offensive in Syrien und im Irak. Der «atmosphärische Dschihadismus» wird laut Kepel für Chaos im Westen sorgen und zum Albtraum der Geheimdienste werden. 
 

 

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