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Ist Dankbarkeit wirklich ein Heilmittel oder nur Mittel zum Zweck? Philosophie, Psychologie und Religion legen den Dankbarkeitsbegriff unterschiedlich aus. Dennoch haben sie einen Punkt gemeinsam. 

von Alexandra Gojowy

Heutzutage sollen wir für alles dankbar sein. Dafür, dass wir konstruktives Feedback bekommen, sauberes Wasser trinken und nette Kolleginnen haben. Der Grund, warum wir Dankbarkeit praktizieren und nicht einfach fühlen, ist, dass wir Dankbarkeit mit einem positiven, wertschätzenden Erleben gleichsetzen. Und das kann man nur bedingt herbeizaubern. 

Floskeln wie «Aus Fehlern lernt man» oder «Scheitern ist Teil des Erfolgs» bringen uns bei, in jeder noch so prekären Situation das Gute zu sehen, dankbar zu sein. Aber wie nachhaltig ist dieser Effekt? Und was bedeutet es eigentlich, sich selbst zu danken?  

Dankbarkeit wird definiert als ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird.  

Schon in der Kindheit wird uns dieses Konzept beigebracht. Bekommen wir ungefragt ein Geschenk in die Hand gedrückt, mahnen im Hintergrund schon die Eltern zum Dank. Aber ist das wirklich Dankbarkeit? 

In der Philosophie wird Dankbarkeit als ein moralischer Begriff gehandelt, der generell schwer zu definieren sei. Schliesslich sei Dankbarkeit ein individuelles Gefühl, das aus unterschiedlichsten Gründen ausgelöst werde. In einer Forschungsarbeit zum Dankbarkeitsbegriff, erschienen in der Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie, kommt Dankbarkeit als «emotionale Tugend» vor. Eine Tugend kann als gute Eigenschaft verstanden werden. Wer sich dankbar zeigt, ist also um einen positiven Charakterzug reicher. Interessanterweise hängt die Dankbarkeit mit einem Empfänger zusammen, dem die Dankbarkeit gebührt und der sie anerkennt. Das bestätigt auch der deutsche Philosoph Balduin Schwarz. Er spricht von «einer Zuwendung des anderen, über die ich mich selbst bejahe, vielleicht auch bestätige. Dies lässt mich einerseits als Teil der Gesellschaft verstehen und andererseits auch als respektiertes Individuum, das in der gesellschaftlichen Ordnung seinen Platz hat.»  

Die Psychologie widmet sich derweil den Effekten von Dankbarkeit auf das körperliche und geistige Wohlbefinden. Sie spricht Dankbarkeit die Fähigkeit zu, menschliche Beziehungen zu verbessern – nicht zuletzt dadurch, dass sie eng mit Bindung, Belohnung, Empathie und Moral verknüpft ist. In der Psychologie geht es weniger darum, wie ein Mensch den Begriff für sich definiert, sondern welche positiven Effekte sich für den Einzelnen ergeben. Die positive Psychologie geht so weit, dass sie sagt, es sei egal, an wen sich der Dank richtet. Ob sie einem Menschen, dem Leben oder Gott gebühre – dankbare Menschen seien insgesamt glücklicher und optimistischer. 

Dankbar können wir aber auch sein, wenn wir vor einer schwierigen Situation stehen, denn unser Wohlbefinden hängt nicht nur davon ab, dass wir etwas Schönes erleben oder bekommen. Hier geht es um ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Welt, dem Leben. Diese Form der Dankbarkeit wird als «transzendenter Dank» verstanden, die für die einen direkt zu Gott führt. 

Als transzendenter Dank gilt der Lebensdank oder auch der Dank dafür, einfach da zu sein. So stellt sich auch der Theologe Tadeusz Styczen die Frage, wem wir denn eigentlich danken, wenn wir dankbar für das Leben, für uns selbst oder unser Dasein sind.  

Natürlich glaubt nicht jeder, der dem Leben, dem Schicksal oder auch mal dem Zufall dankt, an Gott. Trotzdem wird Dankbarkeit in diesem Moment an eine unsichtbare, zum Teil höhere Macht gerichtet. Als christliche Tugend findet Dankbarkeit auch in der Bibel Erwähnung: 

«Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch» (1. Thessalonicher 5:16–18). Auch Martin Luther nannte Dankbarkeit eine «wesentliche christliche Haltung». Dabei soll sich Dank in der christlichen Tradition nicht nur auf andere Menschen, Dinge oder die Arbeit beziehen, sondern auch auf die allumfassende Güte Gottes.  

Dankbarkeit kann auf unterschiedliche Weise erfahren und verstanden werden. Sie kann dabei helfen, dass unser Kopf ein freundlicherer Ort wird. Dieser innere Perspektivwechsel kann heilsam sein.  

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