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Er galt als der Grandseigneur der deutschen Politik. Er sah aus wie eine Mischung aus Dichter, Philosoph und Gourmet. Vor 125 Jahren wurde der Politiker und Baudelaire-Übersetzer Carlo Schmid geboren.

von Christian Feldmann

Beleibt, behäbig, immer elegant angezogen, ausgesprochen kluge Augen  − das war Carlo Schmid. Ein hochgebildeter Humanist, ein Vordenker und Zusammendenker, einer, der politische Grundlinien entwarf und Menschen für seine Ideen gewinnen konnte. Er war aber kein Machtmensch, keiner, der in Lagern dachte und Bataillone um sich sammelte. «Ich bin kein Mann der Macht, ich bin nur ein Machtkenner», sagte er mit feiner Ironie.

Die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte hat er entscheidend geprägt: Als SPD-Fraktionsvorsitzender und Chef des Hauptausschusses im Parlamentarischen Rat war er 1948/49 massgeblich an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt. Von ihm stammt die klassische (später etwas veränderte) Formel in der Präambel «die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden und in einem geeinten Europa dem Frieden zu dienen». Als Vizepräsident des Bundestags setzte er sich auf Reisen nach Warschau und Moskau (1955 zusammen mit Adenauer) für die Aussöhnung mit dem Osten ein. 1959 gehörte er zu den Vätern des Godesberger Programms der SPD. Und im selben Jahr wäre er fast Bundespräsident geworden: Mit 486 zu 517 Stimmen unterlag Carlo Schmid dem CDU-Kandidaten Heinrich Lübke nur knapp.

Sein Lebensweg war allerdings höchst ungewöhnlich für einen Politiker in diesem Land: 1896 im südfranzösischen Perpignan als Sohn eines Deutschen und einer Französin geboren, zog er als 18-jähriger Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen, war als Rechtsanwalt und Richter in Württemberg tätig, nahm 1927/28 an den Sitzungen des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag teil und wurde 1930 Privatdozent für Völkerrecht an der Uni Tübingen.

Die Nazis schlossen Carlo Schmid wegen mangelnder «weltanschaulicher und politischer Zuverlässigkeit» von allen Berufungen und Beförderungen aus – und er machte sich später bittere Vorwürfe, sich in einen wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurückgezogen zu haben: «Wir ‹Gebildeten› hielten praktische Politik für ein Geschäft, das jene zu betreiben hätten, die sich aus Ehrgeiz oder anderen Gründen in ihren Dienst gestellt haben. (…) So nahm das Unheil seinen Lauf.»

Deshalb engagierte er sich, nachdem er aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt war, sogleich in der SPD und beim Aufbau eines ganz neuen politischen Gebildes, das in der französisch besetzten Zone entstand und Württemberg-Hohenzollern hiess. 1947 wurde er zum stellvertretenden Staatspräsidenten und Justizminister im Ländle berufen und in den Parteivorstand der SPD gewählt. In Tübingen hatte er ausserdem eine Professur für Öffentliches Recht übernommen. Später wechselte er als Politologe nach Frankfurt am Main.

Berühmtheit erlangte seine Rede im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948, als er die im Entstehen begriffene, um Selbstbestimmung und Freiheiten ringende Bundesrepublik ausdrücklich als Staatsfragment und das Grundgesetz als Provisorium bezeichnete: Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands sei zwar der Machtapparat der Diktatur untergegangen, aber keineswegs das gesamte deutsche Staatsgebilde. Leidenschaftlich wehrte sich Schmid dagegen, die damalige Ostzone von den westlichen Landesteilen zu trennen und die Menschen dort politisch zu entmannen. Schmid: «Die Volkssouveränität ist unteilbar. (…) Es gibt kein westdeutsches Staatsvolk und wird keines geben!»

Die Demokratie, von der Carlo Schmid träumte, sollte sich freilich einer neu zu schaffenden überstaatlichen politischen Wirklichkeit weit öffnen und bereitwillig Hoheitsbefugnisse auf internationale Organisationen übertragen. Denn die wirklichen Probleme der Moderne liessen sich nicht mehr mit nationalen Anstrengungen allein lösen.

Als Abgeordneter und Vizepräsident des Bundestages engagierte er sich nicht nur für die deutsch-französische Freundschaft, sondern auch für den Nord-Süd-Dialog mit den Ländern der Dritten Welt und für eine Politik des guten Willens gegenüber dem Ostblock. Damit eckte er bei den reinen Atlantikern an, die auf Härte und Abgrenzung setzten. Schmid blieb jedoch zeitlebens einer der wenigen, die unerschütterlich an die Wiedervereinigung Deutschlands glaubten.

Im Kabinett der Grossen Koalition unter Kiesinger übernahm Carlo Schmid 1966 bis 1969 das Amt des Ministers für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder – wie massgeschneidert für den Brückenbauer mit seinen integrativen Fähigkeiten. Später gehörte er der Beratenden Versammlung des Europarates an und war offizieller Koordinator der deutsch-französischen Beziehungen. Seit er 1972 auf eine erneute Bundestagskandidatur verzichtet hatte, wurde es zunehmend still um ihn. 1979 starb er 83-jährig in Bonn.

Den ganzen Shakespeare aus dem Ärmel geschüttelt
Carlo Schmid, der enorm belesene Homme de Lettres mit der klassischen europäischen Bildung, der gute Bücher so viel lieber las als Akten, veröffentlichte neben Essays zu völkerrechtlichen und politikwissenschaftlichen Fragen sensible Übersetzungen aus romanischen Sprachen, von Machiavelli bis zu Baudelaire und Malraux. Sein Fast-Namensvetter Helmut Schmidt verbeugte sich in einer Rede zum 100. Geburtstag vor seiner Bildung: «Ich habe mich, wenn der Carlo im Plenum des Parlaments sprach oder in der Fraktion, häufig sehr klein und sehr unbedeutend gefühlt.»

Irgendwann einmal hat der eine Schmid (Carlo) den anderen Schmidt (Helmut) in Hamburg besucht, ganz überraschend, und die Schmidts waren am Abend vorher im Theater gewesen und hatten das Stück – Shakespeares «Sturm» – überhaupt nicht verstanden. «Nun war der Carlo da und wir fragten ihn. Aus dem Ärmel schüttelte er den ganzen Shakespeare und erklärte uns den Prospero und den Ariel und den Caliban, und wir sassen da und haben nur zugehört und gestaunt und nachträglich begriffen, was wir da am Vorabend auf der Bühne gesehen hatten.»

Aber dieser Schöngeist und Büchermensch vertrat für die SPD den Wahlkreis Mannheim, «den proletarischsten Wahlkreis, den man hätte finden können» (Helmut Schmidt). «Doch die Kerle da in Mannheim mochten den Mann, haben ihn immer gewählt» – obwohl er nicht viel Zeit für seinen Wahlkreis hatte und alles andere war als ein Arbeiterführer. Geistige Autorität eben. Und jemand, dem die grundlegenden Werte wichtig waren und nicht die kurzlebige Machtsicherung. Willy Brandt, auch ein Visionär und Versöhner, aber mit ganz anderem Background, erinnerte in seiner Trauerrede für den eben zu Grabe getragenen Carlo Schmid 1979 an dessen Mahnung, dass «die Qualität des Staates rasch zum Teufel gehen kann, wenn seine Bürger gegen die geistigen und moralischen Impulse stumpf werden».

 

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