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Auf ihrem Bauernhof hat Familie Knaus eine moderne Form von Altersheim eingerichtet. In Sankt Peterzell leben Seniorinnen und Senioren in einer Wohngemeinschaft mitten in der bäuerlichen Produktion. Damit wird in der Ostschweiz die Zukunft vorweggenommen.

von Vanessa Diehl

Inmitten grüner Felder und hügeliger Landschaft hoch oben auf einem Hügelzug steht der Hof Aemisegg der Familie Knaus im Kanton St. Gallen. Hinter dem Haus mit den gelben Schindeln und dem roten Dach ragt der Säntis empor. Hier lebt seit 23 Jahren Margrit Knaus mit ihrem Mann und ihren Kindern. Wobei die Kinder bereits alle ausgezogen sind. Und da sind noch sieben weitere Menschen, die hier ein Zuhause gefunden haben. Die zwei Frauen und fünf Männer sind alle über 50 Jahre und teilen sich eine Neun-Zimmer-Wohnung. Sie alle hat das Schicksal nach Aemisegg gebracht. Sei es eine Suchterkrankung, eine geistige oder körperliche Einschränkung.

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Der Jüngste im Bunde ist Urs Landolt mit seinen 57 Jahren. Er lebt seit knapp einem halben Jahr auf dem Hof. Er sitzt an einem grossen langen Holztisch im Gemeinschaftsraum mit offener Küche. Urs Landolt hat sich extra Zeit genommen. Später hilft er wieder beim Heuen. Er wirkt ruhig, beginnt mit sanfter Stimme zu sprechen: «Es hätte mir nichts Besseres passieren können. In meiner Lage mit Parkinson geht’s mir recht gut. Solange ich die Medikamente regelmässig nehme.» Bei dem 57-Jährigen ist die Krankheit Parkinson, auch als Schüttellähmung bekannt, vor drei Jahren ausgebrochen. Urs Landolt hat Mühe, seine Medikamente regelmässig zu nehmen. Hinzu kamen noch zwei Zeckenstiche, die ihn zusätzlich belasteten. Irgendwann ging es alleine nicht mehr. Er verlor an Gewicht und benötigte einen Rollstuhl. «Mägi, wie bin ich eigentlich hierhergekommen?», fragt er Margrit Knaus, die neben ihm sitzt. «Durch deinen Bruder.» Mägi, wie Margrit Knaus von allen liebevoll genannt wird, ergänzt, dass Urs Landolt nicht ein Pflegeheim gehört habe. Das wäre sein Untergang gewesen, glaubt sie. Normalerweise nehme sie keine Pflegefälle. Denn in der Wohngemeinschaft sollen alle möglichst selbstständig leben. Doch bei Urs Landolt habe sie so ein Gefühl gehabt, dass es gut komme. Obwohl er damals noch im Rollstuhl gesessen habe und fast 20 Kilo leichter gewesen sei.

Urs Landolt war früher selber Bauer auf einem gepachteten Hof. Später lebte er zusammen mit einem Bekannten, dann fiel er mit seiner körperlichen und psychischen Erkrankung in ein Loch. Jetzt hilft er gerne auf dem Hof, ohne Druck, nur wenn er auch mag. Den Rollstuhl braucht er nicht mehr. Mittlerweile benötigt er nur noch kleine Hinweise, dass er seine Medikamente nicht zu nehmen vergisst. Wichtig für ihn ist, unter Gleichgesinnten zu Hause zu sein. Bei gemeinsamen Unternehmungen müsse er sich nicht für seine Defizite schämen. Zum Abschied sagt er: «In einem Pflegeheim wäre es mit meiner Psyche wohl bergab gegangen. Hier werde ich gebraucht und es geht mir wieder viel besser.» Margrit Knaus ergänzt: «Du brauchst es, gebraucht zu werden.»

Selbstständigkeit und kleine Impulse
Wie bei Urs Landolt versucht Gastgeberin Knaus die Fähigkeiten aller Bewohner zu integrieren, sodass jeder seinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann. Niemand mache das Gleiche. Jeder habe seine Aufgabe. Denn jeder solle das Gefühl haben: Ohne mich geht’s nicht. Das gebe wieder Selbstvertrauen. Die Menschen auf dem Aemisegg-Hof sollen sich ergänzen. Der Rentner Paul ??? zum Beispiel fahre alle zur Postautostation oder zu in der Nähe gelegenen Orten zu Terminen. Ein anderer sei für die Hühner zuständig. Andere würden kochen oder sich um die Pilgergäste kümmern. Denn der Hof liegt auf dem Jakobsweg und im Haus gibt es Gästezimmer. Die 70-jährige Anita Gloor ist sozusagen die Pilgermami. Als die Enkelkinder von Margrit Knaus noch jünger waren, hat sich Anita Gloor auch um die Kleinen gekümmert. Ihre Augen beginnen zu leuchten, wenn sie aus diesen Zeiten erzählt.

Für Margrit Gloor ist es auch wichtig, dass ihre Gäste ein Netzwerk ausserhalb des Hauses pflegen. So arbeitet Anita Gloor dreimal die Woche in St. Gallen. Sie kümmert sich um Patienten im Universitätsspital und Pflegeheim, bietet den Besuchern aber auch selber gebundene Blumensträusse zum Verkauf an. Die Hausbewohner sollen nicht zu abhängig werden, sondern selber organisieren und motivieren, lautet die Überzeugung von Gastgeberin Knaus. Hierfür versucht die gelernte Pflegefachfrau und Arbeitsagogin den Bewohnern den notwendigen Freiraum zu lassen. Immer wieder betont sie, sie gebe nur kleine Impulse. So motivierte sie die beiden Frauen in der WG, doch zusammen ein Wellness-Wochenende zu verbringen. Einzig der Mittagstisch ist für alle obligatorisch und dient der Gemeinschaftsförderung.

Vom Heim zur Wohngemeinschaft
Der Hof Aemisegg ist seit 1836 das Altersheim der Gemeinde Neckertal in St. Gallen. Vor 23 Jahren suchte die Gemeinde neue Pächter für den Hof. Margrit Knaus und ihr Mann bewarben sich. «Mein Mann ist leidenschaftlicher Bauer und für mich hat es mit meinem beruflichen Hintergrund einfach gepasst», erzählt sie während der Besichtigung. Sie habe Menschen schon immer gerne gehabt und sei gerne für diese da gewesen. Da für die ehemalige Pflegefachfrau Normalität und Unabhängigkeit zwei wichtige Punkte sind, versucht sie immer mehr, von der Heimstruktur wegzukommen. Bis Ende 2022 soll Aemisegg eine reine Wohngemeinschaft sein.

Wobei bereits jetzt alle ein Einzelzimmer haben. Insgesamt zahlt jede Person pro Monat 3000 Franken. Margrit Knaus sagt, dass sie versuche, die Kosten so tief wie möglich zu halten, damit jeder noch etwas Geld zur Seite legen könne. Aktuell werden noch zwei individuelle Wohnungen im obersten Stockwerk gebaut. Die sollen später an Menschen, die sich am gemeinschaftlichen Leben beteiligen wollen, vermietet werden. Für sie ist diese Art von Zusammenleben die Zukunft. Es sei eine Art Nachbarschaftshilfe unter einem Dach, wo jeder gebraucht werde und wertvoll sei. Das fördere die Lebensqualität bis ins hohe Alter, ist Margit Knaus überzeugt.

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