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Aus meiner Woche

Der Anarchist im Einbahnverkehr

Da ich gerade umgezogen bin und meine letzte Wohnung möbliert war, hatte ich, abgesehen von einem Bett, keine eigenen Möbel.

So musste ich alles neu einrichten, praktisch das gesamte Interieur anschaffen. Fantasielos und pragmatisch orientiert, hat mich diese Not zu IKEA geführt – am Samstag die wahrscheinlich präziseste Simulation des Fegefeuers: Nur durch Bussetun darf man in einer anständigen Wohnung leben. Dafür musste ich viermal durch das Geschäft gehen, viermal an der Kasse anstehen.

Das Schönste dabei ist, dass man dafür auch viermal den ganzen Laden durchqueren sollte, weil es keinen direkten Eingang zur Lagerhalle gibt. «Sollte», denn nach dem zweiten Mal habe ich gegen den Strom über den Kassenbereich abgekürzt. Der Anarchist im Einbahnverkehr – die vorwurfsvollen Blicke sprachen Bände. Vielleicht gibt es einen solchen Durchgang in die Lagerhalle. Die hinderliche Menschenmasse mit ihren Einkaufswagen, Schachteln und Billig-Hotdogs bildete aber eine dermassen unübersichtliche Landschaft, dass man sich kaum orientieren konnte. Auch die Hin- und Rückfahrt mit dem ausgeliehenen Lieferwagen, einem maroden Klapperkasten mit einem klemmenden Schaltgetriebe, hat meine Reise in die Unterwelt nicht angenehmer gemacht. Müsste ich wieder Busse tun, dann würde ich mir ein Münzstück unter die Zunge legen, falls ich mit der voll beladenen Rostkarre in der Limmat verenden würde und irgendeinem Fährmann was zahlen müsste.

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