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Aus meiner Woche

Besinnung in Altstetten

Der Fahrplanwechsel vor einem Monat hat mein perfektes Leben durcheinandergebracht. Der Bus fährt nach Fahrplan nun zwei Minuten später. Nach Fahrplan fährt er allerdings selten, und diese zwei Minuten fehlen mir dann am Umsteigebahnhof. Aus meiner perfekten Verbindung ist ein tägliches, banges Hoffen auf pünktliche Busse oder verspätete Züge geworden. Das ist natürlich kein Dauerzustand und schweren Herzens entschloss ich mich, auf den früheren Buszu setzen, um am Bahnhof zehn Minuten in der Kälte zu warten. Was habe ich geflucht vorigen Monat im Schneegestöber!

Dann entdeckte ich die Vorteile der Entschleunigung. Dank dervon ZVV, VBZ und SBB im Komplott ersonnenen Zwangspause, sehe ich nun jeden Morgen die Sonne blassorange über dem Gleisfeld aufgehen. Aus allen Richtungen fahren Züge ein und spucken Pendler aus, deren Gesichter ich neuerdings erkenne – schliesslich sind wir alle Leidensgenossen im Hamsterrad der Erwerbsarbeit. Manche Züge fahren mit hohem Tempo durch den Bahnhof zu ihren fernen Zielen und lassen mich von Ferien träumen, von Fahrten durch schöne Landschaften und aufregende Städte. Ein Güterzug voller französischer Neuwagen hält jeden Morgen auf Gleis6 – sind sie für kurvige Küstenstrassen in Ligurien vorgesehen oder für hektischen Kreisverkehr in Innsbruck bestimmt? Und warum komme ich eigentlich nie selbst auf die Idee, mir mehr Zeit zu nehmen, die Welt zu beobachten?

John Micelli

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift