Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

«Sommerliebe – Herbstmelancholie»

Den Sommer über war ich Zeuge einer leidenschaftlichen Liebe. Ich schätzte die beiden auf 16, vielleicht 17, und jeden Morgen von Montag bis Freitag fuhren wir zusammen Bus: 8.02 Uhr, Linie 31, drei Stationen. An manchen Tagen diskutierten sie angeregt, meist aber sassen sie eng umschlungen auf ihrer Bank. Wenn er seine Gitarre dabei hatte, stellte ich mir vor, wie er sie mit einer sanften Ballade geweckt haben könnte. Schienen sie übermüdet, ging ich davon aus, dass sie die halbe Nacht über ihre Liebe, ihre Zukunft, die gemeinsamen Pläne geredet hatten.

Einmal herrschte dicke Luft. Anstatt beisammen sass jeder für sich, umringt von Freunden, die auf sie einredeten. «Lass dir das nicht gefallen», sagten die vielleicht, oder: «Aber du liebst sie doch so sehr!» Ich war ausserordentlich erleichtert, als die Krise überstanden schien, sie wieder scherzten und schäkerten beim Aussteigen, er ihr mit der schweren Büchertasche half und sie darauf acht gab, dasss ich die Bänder an seinem Gitarrenkasten nicht in der Türe verhedderten. Dann, nach den Sommerferien, waren sie nicht mehr da – zusammen durchgebrannt vielleicht? Auf einer anderen Schule? Ein neuer Stundenplan? Wochen verbrachte ich in Ungewissheit. Seit ein paar Tagen nun fährt er wieder mit mir Bus, die Haare kürzer, der Blick nachdenklicher. Und jeden Morgen möchte ich ihn fragen, was denn aus der Liebe geworden ist.

John Micelli

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift