Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Der bedrohliche Esel

Nun arbeite ich seit einem Monat wieder auf der Redaktion vom «Sonntag» (bzw. «Doppelpunkt») und entdecke dabei auch langsam die neue Arbeitsumgebung an der Täfernstrasse. Von der Strasse her kommend, zeigen sich mit Tankstelle, McDonalds, Industrie- und Bürogebäuden die üblichen Errungenschaften moderner Lebenswelten, nichts Besonderes also, doch überraschenderweise ist davon in unseren Redaktionsräumen kaum etwas zu bemerken.

Beim Blick durchs Fenstersehe ich vielmehr das satte Grün eines kleinen Wäldchens und einen Spazierweg, der gleich hinter dem Gebäude in das,sagen wir mal, Naherholungsgebiet führt. Selbst die Geräusche haben bisweilen etwas Ländliches; so drang neulich das markerschütternde, immer halb klagend, halb bedrohlich klingende «I-ah» eines Esels in die Büroräume. Nicht weiter erstaunlich, meinte meine Kollegin, ob ich denn den Hof nicht gesehen hätte,vorne an der Strasse? Doch, das hatte ich wohl, aber dieses alte Gemäuer als verwunschenes Überbleibsel längst vergangener Zeiten halb verlassen gewähnt. Dann aber entdeckte ich ihn, den Esel, der dort offenbar mit einigen Pferden zusammen haust, und wollte natürlich Freundschaft schliessen. Der aber, typisch, stupste auf meine Lockrufe hin mit seiner Nase ein an der Wand lehnendes Brett um, anstatt sich zutraulich zu zeigen.Es dürfte womöglich noch eine Weile dauern, aber das kommt sicher gut mit dem Esel und mir, wetten?

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