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Aus meiner Woche

Kampfhähne unter sich

Das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist kein Spass–Gedränge, verspätete Züge und schlechte Luft können einem besonders im Feierabendverkehr schon einmal die Laune vermiesen. Dass da die üblichen Gepflogenheiten im zwischenmenschlichen Verhalten zunehmend auf der Strecke bleiben, darf nicht verwundern. Immerhin hat die Verrohung der Sitten manchmal auch ihre komischen Seiten. So, wie letzthin am Hauptbahnhof in Zürich, als ich beobachtete, wie ein jugendlicher Herr im hellbeigen Kamelhaarmantel, ein Seidenschälchen adrett um den Hals gewickelt, nervös mit seinem Regenschirm auf den Boden klopfend an der Perronkante auf und abmarschierte. Einen rechten Geck hiess man so jemanden früher, und ich erwog kurz, mich nach vorne zu wanzen, um zu sehen, wie der Nervolabile auf mein Vordrängeln reagieren würde.

Das erübrigte sich, denn als die Bahn einfuhr, machte sich, just als der Geckenhafte den Eingang auf der schmaleren Seite des Handlaufs erstürmen wollte, gleichzeitig ein rüstiger Rentner wieselflink von rechts heran. Es kam, wie es kommen musste – die beiden verkeilten sich ineinander und blieben in der Tür stecken. Auf dem Gesicht über dem Seidentüchlein spiegelten sich gleichzeitig Überraschung und Empörung – aber Zurückweichen kam nicht infrage. Dass Pendeln inzwischen Nahkampf ist, wurde mir klar, als beide Herren leise schimpfend in den Zug stolperten. Bloss nicht an Vorsprung verlieren!

Gabrielle Boller

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift