Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Die Moderne von gestern

Letzten Mittwoch war ich mit zwei Redaktionskollegen auf dem Heimweg, und wir standen im Bahnhof Zürich noch ein wenig zusammen. Worüber wir gesprochen hatten, weiss ich nicht mehr, bloss, dass ich mitten im Gespräch auf einem der Gleise etwas Rotes entdeckte und komplett entzückt abrupt das Thema wechselte: «Oh, guckt mal, der ‹Rote Pfeil›!» Ich würde nun niemanden von uns als eisenbahnaffin bezeichnen; trotzdem zögerten wir keinen Moment und näherten uns sofort diesem Objekt. Erst betrachteten wir den Stolz der Schweizer Eisenbahngeschichte – Sie wissen schon, Churchill reiste damit einst durch die Schweiz – ein wenig aus der Ferne. Doch dann wurden wir ermuntert, auch in den «Roten Pfeil» zu steigen, der zu Werbezwecken auf dem Perron stand.

Wie gesagt, wir sind für so etwas gewiss nicht besonders empfänglich – aber was soll ich sagen? Wir liessen uns berauschen vom Charme dieses Zugs aus den 1930er-Jahren. Und das liegt nicht am konservierten Fernwehduft, der dem plüschigen Interieur entsteigt, nein, die Begeisterung gilt der typischen lang gezogenen Schnauze des Triebwagens. Der «Rote Pfeil» heisst nicht umsonst so, er war der schnellste Zug seiner Zeit, und das sieht man ihm an – eine Speerspitze in Rot. Was für ein Design, das retro-futuristisch von einer Zukunft spricht,wie man sie sich einmalvorgestellt hat. Da bleibt man schon einmalstehen, in einer Welt, die anstatt Utopien nur noch Sicherheitsvorschriften produziert.

Gabrielle Boller

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift