Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Oh, du Frühling

Muss man den Frühling lieben? Muss man, wenn er einem das mit dem Ostereiersuchen wieder mal so tüchtig vermasselt hat? Nasskalt war es übers lange Osterwochenende, mit Dauerregen und Wind, sodass auch die aus Gesundheitsgründen selbst verordneten kleinen Spaziergänge zu unerfreulichen Pflichtübungen wurden. Gewiss, man kann endlich einmal ein gutes Buch lesen – aber, bitte schön, das kann man auch im Winter, wer will das denn, wenn draussen die Bäume blühen und alles grünt und knospt, zumindest im Prinzip? Einen «langen, etwas bleichsüchtigen Lümmel mit einem Papierblütenkranz auf dem Kopf» nannte Tucholsky den Frühling, «präraffaelitisch und wie aus der Fürsorge entlaufen» – der Mann fand doch immer die passenden Worte. Zum Glück ist da jemand, der einen mit den blauen Bändern, den fernen Harfentönen und dem ganzen Lenzgesäusel verschont.

Es ist ja ein bisschen wie mit einer enttäuschten Liebe: Zuerst kann man gar nicht genug kriegen und erstickt fast vor überschwänglicher Lobpreisung, dann, nach zwar erwartbarer, aber nicht weniger bitterer Enttäuschung, entdeckt man die Fehler am ehemals Geliebten: Das junge Gemüse schmeckt doch eigentlich immer recht fad, der Bärlauch stinkt sowieso, und die Sonne, die sticht auch bloss giftig vom noch kalten Himmelsblau herunter. Ja, und dann? Dann kommt der Lümmel wieder angerannt mit einem üppigen Blumenstrauss, und wetten, alles ist vergeben und vergessen!

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift