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Aus meiner Woche

Vor verschlossenen Türen

Die Ungeduld begleitet mich schon mein ganzes Leben. Obgleich es mehrere Anläufe seitens meiner Mutter gab, mich von dieser Bürde zu befreien, so muss ich doch gestehen, dass ich sie noch heute mit mir herumtrage.

Wenn also der Zug, den ich morgens nehme, um zur Arbeit zu fahren, noch nicht da ist, löst das in mir ein Gefühl der Unruhe aus. Wie ein Tiger in seinem Käfig gehe ich dann ein Stück des Perrons auf und ab in der Hoffnung, der Zug möge endlich ankommen. Da fiel mir eines Tages auf, dass der Zug am gegenüberliegenden Gleis zwar sehr viel später als mein Zug fährt, aber schon viel früher da ist. Gerade an kalten Tagen ist es eine Wohltat, sich in diesen Zug zu setzen und dort, gemütlich Zeitung lesend, auf den eigentlichen Zug zu warten.

Das habe ich gerade letztens wieder so gemacht. Doch diesmal war etwas anders: Kurz nachdem ich eingestiegen war, schloss sich die Tür hinter mir zu – ein lautes Pfeifen erklang. Ich erschrak, denn eigentlich pfeift es nur dann, wenn der Zug im Begriff ist abzufahren. Ich drehte mich also unverzüglich um und begann panikartig an der Türe zu reissen, aber sie ging nicht auf, was mich nur noch hektischer werden liess. Das bemerkte ein Passant, der gerade am Zug vorbeiging: Völlig ruhig griff er nach der Tür und öffnete sie mir. Erst jetzt war mir klar, dass der Zug überhaupt nicht im Begriff war abzufahren. Ich stieg etwas verwirrt aus dem Zug, der Passant zuckte die Schulter und ging seines Weges.

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