Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Positives i-Tüpfelchen

Ich war kürzlich in den Ferien im Ötztal in Österreich. An einem der wenigen Regentage habe ich eine Führung durch das Ötztaler Schafwollzentrum gemacht. Nach eigener Aussage ist das Familienunternehmen die einzige Wollwäscherei, die es in Österreich noch gibt. In der Schweiz und auch in Deutschland gebe es so etwas gar nicht mehr, erzählte der Besitzer. Heute würde die Wolle in den meisten Fällen in Asien aufbereitet, natürlich unter dem Einsatz von Chemikalien, was man im Ötztal vermeide. Die Führung war interessant, das Anliegen der Unternehmer ist geradezu edel: Wolle aus der Region verarbeiten, für höchste Qualität sorgen, im Einklang mit der Natur wirtschaften und so weiter. Themen wie faire Bezahlung und Umweltschutz wurden angesprochen.

Beim Rundgang durch die Räume fiel mein Blick auf den Kaffeetisch der Mitarbeiter: Eine Senseo-Kaffeemaschine stand da – und ein Päckchen Kaffee von irgendwoher, weder Bio noch Fair Trade. Ein Stirnrunzeln schlich sich in meine Miene. Wie kann jemand, der bei den eigenen Produkten auf höchste Standards und Fairness achtet, eine fast nur aus Plastik bestehende Kaffeemaschine mit unfair produzierten Pads benutzen? Darf oder muss man so etwas verurteilen? Am Ende habe ich mich entschlossen, diese Entdeckung als eher positives i-Tüpfelchen des Rundgangs zu betrachten. Denn damit ist wieder bewiesen: Auch die vorbildhaftesten Unternehmer sind keine Heiligen.

Eva Mell

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift