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Aus meiner Woche

Wie viel Ehrlichkeit verträgt der Familienfrieden?

Vor einiger Zeit hat ein Kollege die hypothetische Frage gestellt: 
«Darf man dem rechtsradikalen Onkel vor versammelter Familie mal so gehörig die Meinung sagen?» Ich fand die Frage interessant, aber sie hat mich nicht weiter beschäftigt. Nun wurde ich mit solch einem Fall konfrontiert: Der Onkel war in meinem Fall eine Tante, die nicht rechts­ radikal ist, aber einen deutlich rechtspopulistischen, muslimfeindlichen Spruch verbreitet hat. Die Familie war komplett versammelt, und zwar in einer Whatsapp­Gruppe. Ich habe intuitiv gehandelt und sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie vor dem Verbreiten solcher Nachrichten lieber erst mal überlegen sollte, was sie damit eigentlich aussagt. Und dann? Die Mehrheit schwieg, die Tante tobte. Ich schob noch einen freundlichen, aber meinungsfesten Kommentar hinterher. War das richtig? Die Tante sieht das nicht so, ich aber schon. Im immer rechtspopulistischeren Europa ertrage ich Parolen nicht mehr, die ganze Personengruppen pauschal niedermachen.
Der Familienfrieden ist auch wichtig, das ist klar. Aber nicht auf Kosten anderer. Um zur Anfangsfrage zurückzukommen: Ich denke, es ist durchaus angebracht, seine Meinung kundzutun, wenn man es für richtig hält. Aber leider bezweifle ich, dass ich mich das offline vor versammelter Familie im echten Leben getraut hätte.

Eva Mell

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift