Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Aus religiösen Gründen

Kürzlich bei der Wohnungsabgabe: Ich heisse den Herrn herzlich willkommen und strecke ihm die Hand entgegen, so wie ich es instinktiv und meistens tue, wenn ich mit einer Person länger zu tun haben werde. «Ich schüttle aus religiösen Gründen Ihre Hand nicht.»

Dass er Jude ist, habe ich an der Frisur und der Kopfbedeckung gesehen, aber mir nichts dabei gedacht − ein Mensch wie jeder andere halt. Das bin ich für ihn offenbar nicht, denn wäre ich ein Mann, hätte er mir die Hand sehr wohl gegeben. Als Frau aber bin ich für ihn nicht gleich viel wert. Es trifft mich, so behandelt zu werden, auch wenn ich weiss, dass er nicht Recht hat. Und es ärgert mich, dass man hierzulande nur über Handschlag verweigernde Moslems spricht und nicht über die Juden, die dasselbe tun.

Wer im Zürcher Stadtkreis 4 lebt oder dort unterwegs ist, nimmt wahr, dass orthodoxe Juden in diesem Quartier längst eine Parallelgesellschaft errichtet haben mit eigenen Schulen, Läden und gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Ich finde es seltsam, wenn ein strenggläubiger Jude in der Schweiz nicht mit mir im Lift fahren will, und bedrückend, wenn ich die jüdischen Ehefrauen unter den Perücken, langen Mänteln und Röcken sehe. Das ist mindestens so problematisch wie andere gesellschaftliche Ghettos. Übrigens habe ich selber jüdische Wurzeln, aber ich halte mich in erster Linie für einen Menschen wie jeden anderen auch.

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