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Aus meiner Woche

Der See der Männer

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau führt unter anderem dazu, dass sich auch die Lebenswelten der Geschlechter angleichen. Es gibt fast keinen Grund mehr, warum die eine Gruppe etwas nicht machen können soll, was für die andere längst normal ist. Man kann das gut oder schlecht finden, aufhalten lässt sich diese Entwicklung nicht. Kürzlich bin ich aber doch noch auf eine der vielleicht bald letzten Männerdomänen gestossen – und fand die irgendwie rührend. Warum weiss ich nicht genau.

Es war an einem kleinen See in den Schweizer Alpen, der in nützlicher Frist mit öffentlichen Verkehrsmitteln ab Zürich erreichbar ist und wegen einer Staumauer ein ganzes, kleines Dorf in sich birgt. Das Gebiet ist touristisch weitgehend unerschlossen, zum Wandern aber umso schöner, auch weil kaum bekannt. Und da standen sie: Rund um den See aufgereiht, mit Fischerruten in den Händen, Kampfhosen an den Beinen und feschen Hüten auf dem Kopf – lauter Männer in sehr männlicher Kleidung. Auch auf dem See in kleinen Fischerbooten sassen oder standen sie, manche mit Stumpen im Mundwinkel und Bierbüchse in der Hand. Ab und zu riefen sie einander kurze Satzfetzen zu – insgesamt eine sehr friedliche, leicht kauzige Szenerie. Einige Frauen waren zwar auch da, die meisten eher in der Rolle der Begleitung, aber insgesamt wars eindeutig der See der Männer. Wie gross der Fangerfolg war, war übrigens aus respektvollem Abstand nicht ersichtlich.

Christine Schnapp

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift