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Aus meiner Woche

Des Dichters rote Rose

Wenn ich ein Kirchlein besuche, gehe ich gern noch über den Friedhof, lese Namen, Lebensdaten und sinne so für mich hin.

Vergangenen Sonntag, in Astano im Malcantone, las ich auf einem Riesengranit: «Rudolf Pannwitz 1881 – 1969». Süsser Schreck! Den Namen kannte ich! Mit ihm stieg der ganze Zauber einer verschrobenen Jugend vor mir auf, in der ich ausschliesslich mit Minnethemen beschäftigt war – und mit Dichtern, die sonst nur ein paar geisterhafte alte Leute kannten. Selbst in dieser Versammlung war Rudolf Pannwitz noch eine Randfigur. Seine prophetischen Sänge sind hoffnungslos unlesbar, aber sein Name, lang wie eine alte Trockenmauer, klang mir immer gut im Ohr. Als ich jetzt ein bisschen über ihn las, wusste ich wieder warum. Er war verrückt, grössenwahnsinnig, hatte ein Riesendurcheinander mit mehreren Frauen. Und er war grundanständig. In seinen Schriften entwarf er eine Welt ohne Kriege und Rassismus, mittendrin ein vereintes Europa, das er sich hocherhaben dachte, nicht als «Konsumverein». Vor den Nazi floh er nach Griechenland, irgendwann kann er ins Tessin, ein vogelartiges Männchen, halbverhungert, aber mit einem Güterwaggon voller Manuskripte, in denen er die Probleme der Welt gelöst hatte. Niemand wollte es wissen, und da ruht er nun, neben ihm die Frau, die es am längsten mit ihm aushielt, und jemand hatte eine rote Rose auf das Grab gelegt. Wenn Sie einmal nach Astano fahren, um in dem wunderschönnostalgischen «Albergo della Posta» zu wohnen, legen Sie doch auch ein Blümchen hin, unbekannterweise.

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