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Aus meiner Woche

Unerwartetes Ostergeschenk

Am Abend vor Ostern sassen mein 84-jähriger Vater, seine neue Lebensgefährtin, deren Tochter und ich zusammen, auch meine Frau und unser Kind waren dabei. Für uns Nachkommen war es das erste Kennenlernen.

So viel wussten wir, dass wir uns freuen für Mutter und Vater, die beide seit über zehn Jahren verwitwet sind. Aber vielleicht war der Schritt noch zu tun, dass man in dieser Konstellation über den anderen Elternteil spricht, genauer gesagt über die Trauer, die letzten Stunden, das Abschiednehmen.

Der Mann der Freundin meines Vaters starb zu Hause. Er verweigerte zuletzt das Morphium, weil er für sich einen Weg durch den Schmerz gefunden hatte, und ganz offensichtlich ging sein Blick bei vollem Bewusstsein schon in andere Räume. Bei meiner Mutter kam der Tod zwar nicht überraschend, aber zu einem unerwarteten Zeitpunkt, sie starb allein, nichts an ihrem Sterben hielt einen Trost bereit, ausser der Tatsache, dass sie schon lange hatte gehen wollen. Über alles das redeten wir, und dieses Reden, eine Insel plötzlicher Intimität, war das schönste Ostergeschenk: Wir haben uns an die Toten erinnert und den Raum abgesteckt, den sie in unser aller Leben einnehmen. Gerade weil sie nicht ersetzbar sind, gibt es keinen Grund, warum sie über die Gegenwart herrschen sollten. Alles Neue muss die Chance haben, unvergleichlich zu sein und sich mit Nicht-Ersetzbarkeit anzureichern, damit wir leben bis zum letzten Augenblick.

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