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Aus meiner Woche

Die stummen Musen

Auf einer langen Zugfahrt. Drei Blondinen im Dirndl steuern die letzten freien Plätze an, hier bei mir! Auch das noch! Jetzt packen sie gleich die Sektdosen aus! Mir ist aufgefallen, dass Menschen, die in Trachten zu grossen Volksfesten fahren, sich gerne schon vorher im Betrunkensein vervollkommnen. Zwei der Frauen schätze ich auf Anfang 40, die eine rosig-kräftig, die andere schlank. Die Dritte ist älter, Ende 50. Rot lackierte Fingernägelchen, Kunstblumenkränze im Haar. Busen, du quellender. Aber was ist hier anders? Sie gestikulieren, blitzschnell. Kein Sektzischt. Und: Sie reden nicht.

Immer wieder riskiere ich einen Blick. Die Schlanke scheint eine prächtige Unterhalterin zu sein. Es wird ausgiebig gelacht. Reinlich und adrett, denke ich, lassen sie ihre sauberen Zähnchen perlen. Einmal höre ich erstickte Laute, einmal ein zischendes Flüstern. Alle, die drumherumsitzen, sprechen plötzlich gedämpfter. Fast will mir scheinen, eine Art Harmonie und gegenseitiges Wohlwollen breite sich aus. Wir sind eine gepflegte Runde in unserer Achtersitzgruppe um die drei Dirndlmädchen herum. Als sie aussteigen, stelle ich mir vor, wie sie strahlend und stumm die Wogen des Volksfestlärms zerteilen, den Eros eines Frohsinns spielen lassen, der ohne Geschrei auskommt. Zum Abschied hat mich die Älteste, die mir gegenübersass, mit einem bezaubernden Lächeln beschenkt.

Andreas Nentwich

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift