Das katholische Wochenmagazin «Sonntag» gehört seit 1920 zu den wichtigsten Traditionstiteln der Schweiz.

Aus meiner Woche

Störung des Ablaufs

Ich habe es eilig, erwarte einen Freund, denke: Ach,vorher gehst du noch schnell in die Reinigung. Auf dem Weg schnürt eine Frau hin und her, passt mich an der Ecke ab. Sie ist jünger als ich, schmal, dunkel, nicht ungepflegt, ich sehe nur, dass ihr ein paar Zähne im Unterkiefer fehlen. Sie wisse nicht, sagt sie, was sie machen solle, und fingert auf einem Handy herum, das anscheinend tot ist. Nach und nach erfahre ich, dass sie, wie man so sagt, nichts auf die Reihe bekommt. Ihr Arzt hat ihr wohl geraten, sich in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Ich frage sie, ob sie den Weg nach Hause wisse. Sie bejaht. Ich frage, ob wir in der Apotheke bitten sollen, dass sie einen Arzt rufen. Irgendjemanden anrufen, was weiss ich. Nein, sie wolle nicht in die Psychiatrie. Bei allem lächelt sie schief. Ich mache verschiedene haltlose Vorschläge. Die Antwort, stereotyp: Und was soll ich jetzt machen? Sie wolle nicht in die Psychiatrie. Ich gehe in meine Reinigung, sie wartet draussen. Fragt, ob ich gesagt hätte, dass sie die Psychiatrie anrufen sollen. Ich sage: «Nein, Sie wollen es ja nicht.»

Wir gehen zurück, unser Reden dreht sich in der immergleichen Schleife – «Und was soll ich jetzt machen?» –, bis ich an der Ecke alle meine billigen Ratschläge wütend zusammenfege und ihr ins Gesicht werfe, dann blaffe, dass ich ihr nicht helfen könne, sodass sie erschrickt und wie staunend zurückbleibt. Das war nicht gut, das war nicht gut.

Andreas Nentwich

Sonntag - die christliche Wochenzeitschrift