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Aus meiner Woche

Vor der Nase weggefahren

Bahnhof Oerlikon. Drei Männer im Regen. Der eine hilft einer jungen Mutter, den Kinderwagen ins Tram zu hieven. Die anderen warten höflich, bis die Prozedur beendet ist. Der Kinderwagen ist drin, die Männer noch nicht. Die Tür geht zu, das Licht erlischt, das Tram fährt ab. Drei Männer stehen im Regen, einer davon bin ich. Ein schönes Miteinander der Männerverblüffung über Generationen, offensichtlich auch über Kulturen hinweg.

Haltestelle Allenmoos, spätabends, ich bringe eine Freundin, das Tram saust heran, Küsschen links, die Tür geht auf, rechts, links, die Tür geht zu, das Licht erlischt, das Tram fährt ab. Die Freundin schüttelt den Kopf, dann sprechen wir weiter, denn eigentlich hat erst unser kurzer Weg zum Tram die Rede über den Tod ihres Mannes ins Fliessen gebracht. Mir sind schon viele Trams vor der Nase weggefahren, ich sass in Trams, die anderen vor der Nase weggefahren sind und in solchen, die noch eine Sekunde gewartet haben, ich kenne die Zeitnöte der Tramfahrer. Hier aber war es zweimal ungefilterte Bosheit. Nun ja: Einmal hat sie drei Männern dazu verholfen, sich einen Moment lang einverständig ratlos anzuschauen, das andere Mal einen guten Schlusspunkt hinter einem klippenreichen Abend ermöglicht. Und vielleicht war der Tramfahrer bloss unglücklich und hat sich, nachdem er die Welt für sein Unglück bestraft hatte, ein wenig geschämt. Dann hätte es ja uns allen einen Funken Gutes gebracht.

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