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Nicht nur die einzelnen Personen haben eine höhere Lebenserwartung; die Gesellschaft als ganze wird älter und der Anteil der Seniorinnen und Senioren wächst im Verhältnis zu den Anteilen anderer Generationen. Niemand kann sich diesem Prozess entziehen, deshalb gilt es zu nehmen, ihn gut zu gestalten.

von Stephan Leimgruber

Heute wird älteren Mitmenschen vermehrte Wertschätzung zuteil. Ihre reichen Erfahrungsschätze sollen in die Kultur einfliessen und allen zugutekommen. Was Jüngere schwer ertragen, ist, wenn sich Ältere über Gebühr in ihre Angelegenheiten einmischen oder alles besser wissen wollen. Doch wächst die Toleranz auf beiden Seiten. Es ist nicht schön, wenn ältere Leute ignoriert oder abgeschoben werden. Sie ernst zu nehmen ist geboten. Bereits vor 2500 Jahren hat der Psalmist treffende Beobachtungen zum Alter gemacht:

«Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig.
Das Beste daran ist nur Mühsal und Verhängnis,
schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.
Unsere Tage zu zählen, lehre uns!
Dann gewinnen wir ein weises Herz.
Dein Wirken wird sichtbar an deinen Knechten
Und deine Pracht an den Kindern.
Lass gedeihen das Werk unserer Hände,
ja, das Werk unserer Hände lass gedeihen!» (aus Psalm 90)

Sicher, unser Leben dauert im Durchschnitt etwas länger als 80 Jahre, und es geht im Flug vorbei, aber es ist nicht selten voller Mühen. Kinder erfreuen alle und Weisheit zeigt sich im souveränen Umgang mit sich selbst und seiner Biografie.

Die Zeit der beruflichen Tätigkeiten kann abrupt zu Ende gehen. Das mag hart sein, muss es aber nicht. Es gibt in vielen Berufen die Möglichkeit des sukzessiven, gestuften Rückzugs von einem 80- bis 100- Prozent-Pensum auf 50 Prozent und dann auf drei Prozent oder ähnlich. Gleichzeitig wächst der verfügbare Freiraum. Seniorinnen und Senioren können ihr Leben vermehrt selbst einteilen und schöpferisch gestalten. Jeder Tag ist ein Geschenk! Hinzu kommt, dass in der Schweiz die finanzielle Vorsorge vergleichsweise gut ist. So können sich auch ältere Leute das ein oder andere leisten. Vorausgesetzt, dass die Gesundheit mitspielt, kann noch einiges unternommen werden, was früher gefehlt hat oder bewusst zurückgestellt worden ist.

Nach wie vor gibt es auch in der weitgehend wohlhabenden und reichen Schweiz, die sich hoher Löhne erfreut, etwa zehn Prozent arme pensionierte Frauen und Männer. Einige sind finanziell am Tropf des Sozialamts oder leben auf Kosten der Gemeinde. Dazu gibt es verschiedene Gründe, die das Leben mit seinen Schicksalsschlägen mit sich gebracht hat. Die Verantwortung dafür ist häufig komplex. Mutter Teresa (1910−1997), heilig gesprochen 2016, hat einst gefragt: «Wo sind die Armen unserer Stadt?» Sie hat gezeigt, was es heisst, sich um die Armen zu kümmern. Bei uns trifft zu, dass es neben alleinstehenden armen Frauen und Müttern zahlreiche ältere Menschen gibt, die von Armut betroffen sind.

Nicht an Defiziten, sondern Ressourcen orientiert
Der Blick auf alte Menschen hat sich insofern gewandelt, als ihr Leben nicht mehr defizitorientiert betrachtet wird, sondern in Bezug auf die Ressourcen und Möglichkeiten. Es geht nicht darum, was man im Alter nicht mehr kann und welche Einschränkungen erfahren werden, sondern was man noch tun kann. Das Leben wird als Möglichkeitsraum verstanden, der offen vor einem liegt und vielerlei Chancen bereithält. Was kann und soll ich tun? Wozu habe ich Kraft und Freude? Was bringt mir innere Befriedigung und Erfüllung? Was bringt mir und anderen einen geistlichen Gewinn?

Da ist die alltägliche Kommunikation als ein wichtiger Lebensort sowohl im Nahbereich als auch im Fernbereich: und zwar mündlich, schriftlich und digital. Die Frage stellt sich: Mit welchen Personen gehe ich in die Zukunft? Gibt es Vereine und Gruppen, in denen ich willkommen bin und in die ich mich einbringen kann? Nehme ich teil an unterhaltenden, kulturellen und sportlichen Anlässen? Ist das Reisen in Coronazeiten nicht zu anstrengend und zu unsicher? Bin ich auch zufrieden mit Ausflügen und Ferien in der Schweiz? Gibt es Weiterbildungen, an denen ich teilnehmen möchte? Soll ich gar eine neue Sprache zu lernen versuchen? Oder bevorzuge ich Musse und Ruhe? Nachdenken und Meditation? Lässt sich der Fernseh- und Handykonsum so lenken, dass die Bewegung nicht zu kurz kommt?

Im Alter gibt es viele Möglichkeiten zu neuen Begegnungen und Bekanntschaften. Im Bistum Basel lädt der Bischof alle nach Solothurn ein, die 50 Jahre verheiratet sind und Goldene Hochzeit feiern. Da kann man noch den Bischof persönlich kennenlernen. Wie bereits der Psalm erwähnt, bringen Kinder, Grosskinder und Urgrosskinder viel Heiterkeit und Freude in das Leben älterer Menschen. Während beide Elternteile arbeiten (müssen), können Grosseltern manche Dienste übernehmen. Es gibt Spiele, Erzählungen und Ausflüge, die zu gemeinsamen Erlebnissen führen und gleichsam ein Jungbrunnen für Seniorinnen und Senioren sind.

Gewiss, im Alter gibt es auch bittere Einsichten und Erfahrungen. Dazu zählt der Verlust eines Ehepartners oder Freundes, einer Partnerin oder Freundin, welche Nähe und Verstehen schenkten. Der Tod eines geliebten Mitmenschen kann das emotionale Gleichgewicht stören. Die Erfahrung von Einsamkeit oder einfach des Nicht-Gefragt-Seins ist schwer auszuhalten. Es gibt auch Entfremdungen von einst nahestehenden Personen oder einfach die Erkenntnis, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Aber gibt es nicht auch eine stille Lebensgemeinschaft ohne grosse Worte und steten Betrieb? Gibt es nicht das schöne gemeinsame Altwerden? Gewiss gibt es auch Konflikte mit der jüngeren Generation, die andere Werte vertritt und neue Wege geht, die für Ältere schwer nachvollziehbar sind. Da heiratet eine Tochter einen Muslim und ist gar bereit zu konvertieren; da gerät jemand in eine Scheidung, die einst nicht gewollt war; da geben Jugendliche den Kirchenaustritt bekannt oder verabschieden sich ins Ausland. Nicht zuletzt können Schicksale wie Naturkatastrophen, Unfälle und andere schmerzhafte Ereignisse eintreffen, die das Leben eintrüben und schwer machen, die nach unten ziehen und die Lebensfreude verschwinden lassen. Andererseits haben viele das ehrenamtliche Engagement entdeckt, sei es in der Pfarrei, in einem Altenheim oder in der Gemeinde. Da wächst wieder etwas Neues. Sinnvoll helfen, auch ohne Bezahlung, wird als Gewinn erfahren.

Spiritualität im Alter
Bekanntlich ist es ein Vorteil, wenn das Leben Sinn ergibt und von Hoffnung getragen ist. Die Ressource Religion kann in der Tat helfen, Negatives zu überwinden, Tiefpunkte zu bewältigen und Licht in den Alltag hineinstrahlen zu lassen. Aber man wird nicht von einem Tag auf den anderen religiös musikalisch. Eher werden früher erworbene religiöse Aktivitäten weiterentwickelt, oft auf das Wesentliche konzentriert oder altersentsprechend transformiert. Der einst vom konfessionellen Milieu verdankte Glaube und das selbstverständlich praktizierte Gebet können abhanden gekommen und wie Sand zwischen den Fingern zerronnen sein. Tatsache ist, dass in Coronazeiten viele ältere Personen den Sonntagsgottesdienst mit Gewinn am Fernsehen mitgefeiert haben, dass viele vor dem Essen innehalten, vielleicht ein Kreuzzeichen schlagen und am Abend einen Rückblick auf den Tag werfen. Hier zeigt sich, was einem wichtig ist und was Sinn bringt. Für einige ist das Rosenkranzgebet eine meditative Möglichkeit, Geborgenheit in Gott zu erfahren; andere besuchen eine Kirche, zünden eine Kerze an und sind einfach da. Das Gebet des heiligen Bruder Klaus gehört für nicht wenige zur eisernen Ration in schweren Stunden. Viele Menschen finden einen neuen Zugang zu den Psalmen oder zum Stundengebet für Laien, zur Sonntagslesung oder zur aktiven Teilnahme in einer Bibelgruppe oder am Gottesdienst.

Es ist gut und hilfreich, auf das ganze Leben zurückzuschauen, freudige und leidvolle Erfahrungen zu bedenken, sich zu fragen, was besonders eingefahren ist und worauf man auch verzichten könnte. Das nennt man spirituelle Biografiearbeit. Sie kann allein oder mit einem geistlichen Begleiter/einer Begleiterin in Exerzitien gewagt werden. Sie führt auch dunkle Zeiten ans Licht und lässt das Leben wie in einem Panorama schauen. Am Schluss stehen ein beherztes Dankeschön für das bisherige Leben und ein Ja zu den weiterhin geschenkten Tagen.

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