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Auf meiner Reise ins Heilige Land vor sieben Jahren bin ich zum ersten Mal einer blühenden Agave begegnet. Ich staunte nicht schlecht über den beinahe zwölf Meter hohen Stängel dieser Mittelmeerpflanze. Er ist stark wie ein Baumstamm, und an seiner Spitze entfalten sich die Blüten in weit verzweigten Büscheln. Noch verblüffter war ich, als ich hörte, dass Agaven nur einmal blühen und danach sterben. Dabei werden zuerst die Blätter, die wie Lanzetten zum Himmel ragen, welk und liegen erschlafft am Boden. Die ganze Kraft der Pflanze fliesst nun durch den Stängel in die Blüten, bis diese zu Früchten ausgereift sind. Die reifen Fruchtkapseln öffnen sich, und der Wind trägt den Samen davon, damit er sich an anderen Orten neu entfalten kann. Der Blütenstängel fällt um – und mit ihm stirbt die Agave. Was für ein Leben! 

In einer Meditation von Elisabeth Lukas vergleicht sie das Leben dieser Pflanze mit dem menschlichen Dasein. Auch in unserem Leben geht es nicht darum, das Umfallen und Sterben zu verhindern und eine möglichst lange Lebenszeit zu erreichen. Viel wichtiger ist es, vor dem Umfallen und Sterben Frucht gebracht zu haben. Das Ziel, das diese spezielle Pflanze und der Mensch gemeinsam haben, ist, nicht umsonst gelebt zu haben. Da zeigt sich allerdings auch ein Unterschied: Die Frucht der Agave ist mit der Frucht einer anderen Agave austauschbar. Eine Agave ist eine Agave. Das ist biologisch so festgelegt, und daran lässt sich nichts ändern. Die Früchte hingegen, die wir Menschen bringen, sind nicht austauschbar. Ungelebte Werte und unverwirklichte Möglichkeiten sind nicht da und lassen sich nicht einfach durch jemand anderen in die Welt tragen. Dahingegen ist alles, was ich lebe und verwirkliche, in der Welt – und es bleibt und zeugt unverwechselbar von meinem Beitrag. Dabei geht es nicht um die grossen Dinge, die sowieso nur ganz wenigen vorbehalten sind. Mein Lächeln jedoch lässt einen bestimmten Bereich der Welt freundlicher werden. Mein aufrichtiges «Macht nichts!» lässt Versöhnung wachsen. Mein entschiedenes «Nein!» bringt Klarheit. Mein herzhaftes Geniessen schafft ein momenthaftes Paradies. Mein geduldiges Ertragen einer Unannehmlichkeit vermindert Hektik. Mein unvoreingenommenes Zuhören verschafft einer friedlichen Atmosphäre Raum.  

Die Agave ist eine wunderbare, majestätische und auf ihre Art auch weise Pflanze. Wie viel wertvoller sind wir Menschen, wichtig und in unserem Weltgestalten unersetzlich. Schon die alten Psalmenbeterinnen und beter wussten dies, wenn sie sangen: Gott, ich danke dir, dass ich staunenswert und wundersam gemacht bin. Ja, das weiss ich: Wunderbar sind deine Werke! 

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